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Frankfurt, Festhalle, 24.09.2004

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Frankfurt, Festhalle, 24.09.2004

Kurz nachdem offiziell bekannt wurde, dass die kanadischen Rockgötter RUSH auf ihrer Jubiläums-Tournee anlässlich 30 Jahren Plattenkarriere auch in Europa Halt machen wolle, musste der Termin des Frankfurter Auftrittes im Kalender dick angestrichen werden.
Es war zum Glück nicht der Münchner, weil dieser überraschenderweise gecancelt wurde. (Anm. d. V.: Aus technischen Gründen, so die offiziellen Statements)
[Anm. d. Red.: Wenn es ein technischer Grund ist, dass der Geldkoffer aus Zwiebelleder ist und bittere Tränen ob seiner Leere weint...]

Das Trio genießt auch heute noch den exzellenten Ruf als die Perfektionisten und innovativsten Protagonisten des melodischen Heavy-Rocks. Mit ihren hochenergetischen und musikalisch ausgewogenen Liveauftritten üben RUSH nach wie vor eine Faszination aus, dass sie schnell zu Superstars in Nordamerika und der Welt aufsteigen ließ.
Seid ihrer eigentlichen Gründung im Frühjahr 1968 in Sarnia, Ontario sind sie immer ihrem Konzept des klassischen Power-Trios treu geblieben. Damals noch unter den Bandnamen PROJECTION musizierten sie als CREAM-Coveract in den Klubs von Toronto. Es war die Ära der Heavy-Gruppen wie IRON BUTTERFLY, BLUE CHEER, CREAM, GRAND FUNK RAILROAD und LED ZEPPELIN von denen natürlich auch nicht die kanadische Szene verschont blieb.
Sänger, Bassist Geddy Lee (eigentlich Gary Lee Weinrib, geb. am 29. Juli 1953), Gitarrist Alex Lifeson (eigentlich Alexander Zivojinovich, geb. am 27. August 1953) und der Schlagzeuger John Rutsey bekamen 1973 den ersten Plattenvertrag und nahmen dieses zum Anlass sich namentlich in die klangvolleren RUSH umzubenennen.
Nach der Veröffentlichung des Debütalbums kam es dann noch einmal zum Wechsel an den Schlagstöcken, die ab diesen Zeitpunkt Neil Peart (geb. am 12. September 1952) bediente. Kein schlechter Tausch, wie sich alsbald herausstellen sollte, denn dieser zählt auch heute noch zu der Riege der weltbesten Schlagzeuger.
Musikalisch hoben RUSH sich von den anderen Heavy-Bands aufgrund des virtuosen Bassspiels und der sehr hohen Falsettstimme von Geddy und den komplexen Drumming von Neil ab. Wobei Alex mit seinem recht powervollen Gitarrenspiel auch den nicht minderen Anteil dazu beitrug. Die Drei sind wie ein Puzzle das einfach zusammengehört und das bemerkt man immer noch bei ihren Konzerten.
Textlich verarbeiteten sie damals noch häufig mythologische Themen, von J.R.R. Tolkien oder der Philosophin Ayn Rand. Ab dem sechsten Album "A Farewell To Kings" 1977, wandten sie sich dann technischen Experimenten zu, was verstärkt den Einsatz von Keyboards und Samples bedeutete, die sogleich eine echte Bereicherung darstellten. Dadurch wurde erst der typische vollmundige, symphonische Heavy- Sound, der die Band so auszeichnete, kreiert.
Während den letzten Jahren sind sie wieder künstlerisch mehr zu ihren Wurzeln zurückgekehrt bzw. haben sich der Rockgeneration des 21. Jahrhundert etwas angenähert, was aber nie zum Verlust der Magie in ihrer Musik führte.

Die ehrwürdige Frankfurter Festhalle hatte an diesem Freitagabend ihr bestes Kleid angelegt. Gespickt mit unzähligem technischen Equipment und strategisch verteilten Kameras, bekam man schnell das Gefühl einem ganz besonderen Gig beizuwohnen. Die gesamte Show wurde dann auch professionell bzw. aufwändig gefilmt und dementsprechend tontechnisch mitgeschnitten. (Anm. d. V.: Was dann auch die akribischen Tastkontrollen am Halleneingang erklärte)
[Frage der Red.: Damit die Leute nicht mit den Schlüsseln klappern?]
Witzig fand ich die Durchsagen des Hallensprechers kurz vor Beginn ". das während des Konzertes Lautstärken auftreten, die schwerwiegende Schäden am Gehör verursachen könnten. Wer sich diesem nicht aussetzen wolle, bekäme noch die Gelegenheit die Veranstaltung zu verlassen..."
Ich konnte jedenfalls nicht registrieren, dass jemand der schätzungsweise 8.000 (Angabe der Messe Frankfurt - nicht ausverkauft) die Halle fluchtartig verließ.

Kurz nach 20 Uhr verdunkelte es sich und es entlud sich mit tosenden Aufschreien die bis dato angestaute Spannung. Zunächst stimmte man die Rockgemeinde mit einem Video-Clip mit Jerry Stiller, u. a. bekannt aus der US-Sitcom "The King Of Queens" ein, der die Menge auf das bevorstehende Armageddon einschwor.
Showtime ist dann im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem unglaublich kraftvollen 10-minütigen Medley aus den frühen Alben, eröffneten RUSH sehr überraschend den ersten Teil des Sets.
Trotz der anfänglichen Soundprobleme, die so manche Tonlagen noch zu laut und verzerrt aus der PA quellen ließen, war hier schon klar, dass die Powerrocker von ihrer Liveintensität seit der letzten Deutschland-Tour 1992 nichts eingebüsst haben.

Bei The Spirit Of Radio hatten sich die Soundmischer mit den akustischen Gegebenheiten der Festhalle schon angefreundet, was aber der deftigen Lautstärke keinen Abbruch tat. (Anm. d. V.: Es handelte sich ja schließlich auch nicht um ein J.J. Cale-Konzert!)
Die drei Herren agierten äußerst agil und sehr energiegeladen über die sehr überschaubare Bühne. Wobei hier als besonderer Blickfang die schon bekannten zwei Waschmaschinen und ein Foodautomat, auch in Action, dienten. Ansonsten fiel einem sofort die gewisse cleane, gestylte mit vielen elektronischen Gerätschaften bestückte Backline ins Auge, beherrscht von der gigantischen Schlagzeug-Percussion-Batterie vom "Professor".
Ebenfalls sehr beachtenswert die auf die einzelnen Tracks abgestimmte Licht- bzw. Lasershow inklusive Videoprojektionen.

Fortschreitende Alterserscheinungen sind den diszipliniert arbeitenden Ahornrockern (alle drei haben immerhin die Schallgrenze eines halben Jahrhunderts überschritten!) mitnichten anzumerken. Sie haben nach wie vor sichtlich Freude bei der Performance und bestreiten ihren Power-Rock aus voller Seele. Sie lassen erst gar keine Langeweile aufkommen und schlagen sich ohne Verschnaufpause perfekt durch das Programm.
YYZ wurde wie gewohnt mit bestem Timing auf den Punkt dargeboten, sozusagen kollegiales Teamwork vom Feinsten. Mit der saftigen THE WHO-Coverversion The Seeker zollten sie dann Tribut an ihre musikalischen Leitbilder. (Anm. d. Verv.: Dieser Song wurde gerade aktuell, zusammen mit 7 weiteren Coverversionen, auf der EP "Feedback", Atlantic Records, Juni 2004 veröffentlicht)
Beschlossen wurde der erste Teil des Abends mit einer ziemlich hitzigen, exquisiten Pyroshow bei One Little Victory, nach der sich die Herren erst einmal zu einer 20-minütigen Mentalpause zurückzogen.

Der zweite Set-Teil wurde wieder mit einem witzigen Videofilm (mit dem Drachen als Hauptdarsteller, nein nicht Grisu) eingeleitet, bevor die Musiker brachial mit Tom Sawyer gleich die weitere Devise für die nächsten 90 Minuten vorgaben.
Sofort auffällig, verbreitete sich der transparente Sound, d.h. besser konnte man diesen Hammersong vom wohl bisher gelungensten Studioalbum "Moving Pictures" nicht darbieten. Es sollte dann auch so bleiben, ein Höhepunkt jagte den Anderen. So wurde zum ersten Mal seit der 87er "Power Windows"-Warm Up-Tour wieder das zu unrecht vernachlässigte Between The Wheels live performt. Ein wahrer Ohrenschmaus wegen der anrührenden Keyboardeinlagen, aber auch ein Augenschmaus, wegen der sinneskompatiblen visuellen Begleitung. Spezifische Nervenzentren (Anm. d. V.: Nicht die Lustzentren) sollten im weiteren Verlauf noch mehr angeregt werden.
Das obligatorische - wie ein Schweizer Uhrwerk ablaufende - Schlagzeugsolo des Großmeisters Peart, mit allen dazugehörigen elektronischen Raffinessen, war einmal wieder das Salz in der Suppe. Übrigens für mich das einzige Solo auf diesem Rockplaneten, bei dem sich niemand gelangweilt abwendet oder es sich verwünschte.
Ein kurzweiliges akustisches Intermezzo, wobei mal wieder Stoff der alten Meister, in diesem Fall von den YARDBIRDS, herangezogen wurde, sorgte dann etwas für Entspannung.

Ein grandioses Xanadu, für mich immer noch die beste Komposition der Kanadier, versah dann diesen Set endgültig mit dem Gütesiegel "sehr wertvoll". Das Publikum mit Sitzplätzen hielt es nun nicht mehr auf ihrem Allerwertesten, es wurde gebangt bzw. abgetanzt was die physische Verfassung jedes einzelnen hergab.
Beim Zugabenteil wurde noch einmal auf die aktuelle "Feedback"-EP zurückgegriffen. Mit dem Eddie Cochran Klassiker Summertime Blues, wobei hier mehr die Version von BLUE CHEER Pate stand, des weiteren eine verkürzte Fassung vom CREAM-Standard Crossroads und einer furiosen Limelight-Interpretation, wurde dieser Auftritt nach 180 Minuten Nettospielzeit würdig abgeschlossen.

Die Setlist ließ keine Wünsche offen, so dass man getrost auf die Standards wie Closer To the Heart verzichten konnte. Alle Beteiligten waren an diesem Abend sicherlich befriedigt, so dass man die RUSH-Tour jetzt schon als den Höhepunkt, neben der YES-Jubiläumstour, des Konzertjahres 2004 betrachten darf.
Die Kanadier können auch nach drei Jahrzehnten ihres Bestehens, als anspruchsvoller Heavy-Act mit den speziellen "Mystic Rhythms" ihre Zuhörerschaft in den Bann ziehen. An dem Hallensound will ich nicht all zu viel herummäkeln, die Festhalle ist selbst für den besten Tonmischer eine Herausforderung und diese haben ihren Job gut verrichtet. Außerdem darf man nicht vergessen, es handelte sich um ein Rock'n'Roll Konzert, wer hier CD-Bedingungen verlangte, sollte das nächste Mal zuhause bleiben!
Anbetracht der gegenwärtigen Eintrittspreise, wurde die finanzielle Schmerzgrenze schon lange überschritten. War ich 1992 bei RUSH noch mit 40 D-Märker dabei, so musste man heute mehr als das Doppelte dafür löhnen. Das Resultat sind halbleere Konzerthallen, deshalb sollte man vielleicht einmal über eine Regulierungskommission im kulturellen Bereich nachdenken. Wenn sich an der Veranstalterpolitik im TEUROLand in naher Zukunft nichts verändert, dann werden die wirklich "grossen" Rockacts bald notgedrungen einen weiten Bogen um unser einig Ländle machen. Das wäre vergleichbar so, als wenn der Vegetarier wieder zur Bockwurst greifen müsste. Na dann Mahlzeit!
In diesem Sinne. Rock'n'Roll will never die!

Setlist:
R 30 Overture (with Jerry Stiller Intro Film), (Medley), Finding My Way, Anthem, Bastille Day, A Passage To Bangkok, Cygnus X-1 (Prologue), Hemispheres (Prelude) ("1974-1977"), The Spirit Of Radio ("Permanent Waves", Jan. 1980), Force Ten ("Hold Your Fire", Sept. 1987), Animate ("Counterparts", Okt. 1993), Subdivisions ("Signals", Sept. 1982), Earthshine ("Vapor Trails", Mai 2002), Red Barchetta ("Moving Pictures", Jan. 1981), Roll The Bones ("Roll The Bones", Sept. 1991), Bravado ("Roll The Bones"), YYZ ("Moving Pictures"), The Trees (Day Tripper ending) ("Hemispheres", Okt. 1978), The Seeker (The Who) ("Feedback", Juni 2004), One Little Victory (with Dragon Intro) ("Vapor Trails")
Pause
Intermission (That Darned Dragon Intro), Tom Sawyer ("Moving Pictures"), Dreamline ("Roll The Bones"), Secret Touch ("Vapor Trails"), Between The Wheels (!Grace Under Pressure", April 1984), Mystic Rhythms ("Power Windows", Okt. 1985), Red Sector A ("Grace Under Pressure"), Drum Solo, Resist (Acoustic) ("Test For Echo", Sept.1996), Heart Full Of Soul (Acoustic) (The Yardbirds), 2112 (Overture/Temples Of Syrinx/Grand Finale) ("2112", Feb. 1976), La Villa Strangiato ("Hemispheres"), By-Tor And The Snow Dog ("Fly By Night", Feb. 1975), Xanadu ("A Farewell To Kings", Sept. 1977), Working Man ("Rush", März 1974)
Zugabe
Summertime Blues (Eddie Cochran) ("Feedback"), Crossroads (Cream) ("Feedback"), Limelight ("Moving Pictures") (with Jerry Stiller Outro Film)

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 04.10.2004

An dieser Stelle noch einige generelle Anmerkungen zu dieser Tour.
Wir haben im Vorfeld der Konzertreihe versucht, für unsere Kollegen Akkreditierungen und Fotopässe zu erhalten, um in gewohnter Weise über die Konzerte berichten zu können (wohlgemerkt, es geht uns in keinster Weise um die gesparten Euros - auch wir kaufen T-Shirts, CDs und Poster unserer Bands wie jeder andere Fan auch).
RUSH wurden innerhalb der Redaktion als Highlight betrachtet. Keiner der von uns angesprochenen Verantwortlichen hat auf unsere Anfragen reagiert. Das ist nicht weiter dramatisch, denn wenn Konzertveranstalter/Band/wer auch immer nicht mit uns will, dann wollen wir normalerweise auch nicht mit ihnen. Das Leben ist keine Einbahnstrasse und von den Medien kostenlose Werbung zu verlangen, im Gegenzug aber keine Leistung bringen wollen geht nicht. Wir haben in der Redaktion lange diskutiert, ob wir über die Konzerte von RUSH berichten sollen, tun dies aus einem Servicedenken unseren Lesern gegenüber, betonen aber ausdrücklich, dass dies ein einmaliger Fall bleiben wird. Künftig werden Veranstaltungen dieser Art von uns ignoriert.

Bekanntlich ist die Tournee von RUSH nicht besonders erfolgreich verlaufen. Höhepunkt war sicher das abgesagte Konzert in der Münchner Olympiahalle. Der Kollege Schmock hat (genau wie Jürgen in seinem Bericht zum Oberhausener Konzert) einen der Gründe erwähnt: Die Preise. Über dieses Dilemma haben wir bereits in verschiedenen Artikeln im Home of Rock gesprochen und unsere Leser sind sicher der gleichen Meinung wie wir: Es sind die Grenzen der finanziellen Belastbarkeit des Publikums längst weit überschritten.
Die Kombination Raffgier (und zwar in Punkto Preise und Hallengrößen) und Arroganz gegenüber Publikum und Medien hat bei dieser Tournee einen weiteren Höhepunkt erreicht. Man kann sich als Berichterstatter und Fan einer gewissen Schadenfreude über das Desaster nicht erwehren.
Schade, dass wir keine Bilder dieser Konzerte anbieten können.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 05.10.2004

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