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| München, Metropolis, 24.10.2008 |
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Spaß gehabt und 60 Euro gespart? Nein, nicht im Puff-Discounter Knaldi Nord. Mitten im Münchener Sperrbezirk ist es passiert, mit Rauchverbot und ohne Weißbier, schließlich ist Bayern jetzt ein freies Land mit freien Bürgern, die gerne - wie 30 Jahre vorher auf der Schultoilette - heimlich rauchen. Fürs Raumklima ist das prima, aber ein pickpackevolles Metropolis mieft auch ohne Qualm noch genug nach schwitzigen Kerlen und verbranntem Turnschuhsohlengummi.
Die 60 Euro? Ticket für AC/DC (€ 73) nicht bekommen (wie auch, die werden ja jetzt von den Händlern für den dreifachen Preis bei Ebay verkauft), Eintrittskarte für OHRENFEINDT (€ 13) erworben, Rest in ein feines Essen mit der Süßen investiert. Das nennt man erfolgreiches Kapitalmanagement, liebe (???) Geldvernichter von der Landesbank und sonstigen Post-Kapitalismusinstitutionen.
Es ist nicht die wundersame Wiederauferstehung des Rock & Roll, wenn OHRENFEINDT eine Woche vor Allerheiligen die Bude voll machen, denn "an Allerheiligen wird aller Heiligen gedacht, auch solcher, die nicht heilig gesprochen wurden, sowie der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß als Gott." Sagt Wikipedia. Völliger Blödsinn, denn von den drei Typen aus Sankt Pauli weiß ja offensichtlich eine Menge Menschen, und bitte, was ist an St. Pauli heilig, außer dem Namen vielleicht. Nein, es ist die natürliche Reaktion der Menschen, die Trost und Rat suchen (übrigens eine wundervolle Sendung mit Willi Resetarits bei Radio Wien) im Hüpfen, Singen, Klatschen, Fäuste recken. Da steht einer vorne, der die Sprache der Leute spricht, ok, mit einem lustigen Dialekt, weil mit "moin" meint man im Süden bestenfalls den morgigen Tag und nicht einen guten Morgen zur Anstoßzeit um 21 Uhr, aber das ist an dieser Stelle egal, schließlich ist München weltoffen und tolerant.
Und dann ist die Bühne plötzlich ausgefüllt von zwei archetypischen Rockmusikern und einem eleganten Schlagzeuger mit Bums, nicht Knall!, der den Leuten aber nicht in den Arsch tritt, weil die sich dazu umdrehen müssten, was in einer Konzertsituation wenig Sinn macht. Es geht auf den Solarplexus, dieses Geflecht von Nerven irgendwo knapp unterhalb der Rippen, das ausschließlich zur Wahrnehmung geiler Musik in unsere sterbliche Hülle eingebaut wurde. Evolutionslehre macht Spaß.
Eine halbe Stunde Vollgas bis zur ersten leicht gemäßigten Nummer folgt. Das ist zwar das Mindeste, das man von einer Band verlangen darf, die das Wort Vollgasrock im Untertitel trägt, aber es gibt auch eine CD von Peter Kraus mit dem Titel "Vollgas", vor der ausdrücklich gewarnt wird.
Chris Laut, das ist der Bassist mit ohne Haare oben, und Dennis Henning, das ist die Les Paul mit viele Haare oben drauf, gehen von Anfang an bis an die äußerste Grenze … der Bühne. Das macht die Leute davor an, es macht sie geschmeidig und laut, wenn einen Meter höher das Rock'n'Roll-Posen-Kamasutra vorexerziert wird. Sie machen mit, atmen ein, schreien ausatmend "Jaaa", biegen das Knie und grinsen glücklich - es ist so einfach mit den einfachen Menschen, sagt auch der Lehrer nebenan, der sich wundert, dass so viele wüst aussehende Typen eine so freundliche Party feiern, wo doch seine 25 Kids in der Klasse ständig wie Pitbulls ineinander verbissen sind. Tja, Sido kommt eben von Sidolin, und Sidolin reinigt das Gehirn streifenfrei.
Die drei bisher erschienen CDs werden ausgiebig angespielt, fast unmerklich reihen sich ein paar neue Nummern ein, kleine Geschichten werden dazwischen erzählt, große Geschichten findet man in den Texten, die wenigen Verschnaufpausen im mittleren Tempo sind veredelt mit bluesigen Tönen mit oder ohne Slide, der Sound ist vehement, die Bühnenshow entspricht allem was man in der kleinen Boogie-Fibel nachlesen kann, die Riffs sind der 1.275-CD-Sonderedition "Das Beste aus 40 Jahren direkt ins Gesicht Musik" entnommen und Energie ist, wenn Herr Laut ganz unleise die Story vom einarmigen Luftgitarristen brüllt.
OHRENFEINDT sind nicht besser als Malcolm Young, Rick Parfitt oder Keith Berry-Townshend, sie sind aber DA. Hier und jetzt, greifbar, frisch, ohne Zicken und kompromisslos gut gelaunt. Das ist der Unterschied, schließlich geht es um Good-Time-Musik, nicht um Heldenverehrung. Außerdem gibt es kein "Besser Glücklichsein" als Glücklichsein. Man darf die alten Götter ruhig weiterhin hören und lieben, aber sollte bitte auch erkennen, dass die Ablösung erfolgt ist. Drei Männer und eine Halle, die zum rocken geboren sind und gemeinsam so laut wie ich kann skandieren, es gibt kein erhebenderes Gefühl für Individuen dieser Strickart, auch nicht für die vielen Rock'n'Roll Mädchen und den einen oder anderen Fluchtwagenfahrer. Alle zusammen haben die besten 2 ¼ Konzertstunden des Jahres erlebt, auch wenn noch zwei Monate ausstehen und ein ganzer Haufen guter Bands auf uns wartet.
Irgendwann im nächsten Frühjahr wird es eine DVD und Doppel-CD der "Auf die Ohren Tour" geben. Wird toll, aber das volle Metropolis war toller. Roggnroll!
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