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Eine mittelalterliche Burg ist zwar ein stimmungsvoller Veranstaltungsort, birgt aber auch einige Tücken für den
Veranstalter, da sie nun mal ursprünglich nicht dafür konzipiert wurde, dort Open Airs zu veranstalten. Überraschend
problemlos erwies sich die Suche nach einem Parkplatz in Neuhaus und auch der Einlass funktionierte fast reibungslos,
weil er intelligent angedacht war und entsprechend durchgeführt wurde. Trotz des Nadelöhrs Burgtor ging es recht zügig
und ohne großes Gedränge von statten. MILA MAR
Besonders gespannt war ich auf MILA MAR, die als erste Band gegen 15 Uhr den Reigen eröffneten. Die große Frage war
schlicht und ergreifend: Funktionieren die sphärischen, emotionalen Klanggebilde der Göttinger auch in der gleißenden
Nachmittagssonne? Entsteht die selbe Magie wie in den kleinen Clubs auf der letztjährigen Tournee, wo eine dezente,
aber effektive Lightshow Hilfestellung geben konnte?Es funktionierte perfekt, weil die Musik dermaßen intensiv ist und den Hörer fesselt. Dazu kam die wieder einmal beeindruckende Bühnenpräsenz von Sängerin Anke Hachfeld, der man sich wohl nur entziehen kann, wenn man gleichzeitig taub und blind ist. Wer erwartet hatte MILA MAR würden auf Nummer sicher gehen und verstärkt auf die etwas eingängigeren Songs des letzten Albums "Elfensex" setzen, der sah sich getäuscht. Natürlich war die O.M.D.-Coverversion Maid of Orleans im Programm, doch schon die zweite "Elfensex"-Single Silver star fiel durchs Raster. Statt dessen verzauberten MILA MAR mit atmosphärischen, percussionintensiven Werken wie Nova, setzten mit dem beschwingten Elfentanz einen lichten Kontrastpunkt um dann mit dem mystischen Depressivmonster Follow me das Publikum endgültig aus der Realität in ein fremdes Universum zu katapultieren. Dort scheint nur noch der Einzelne und die Band zu existieren, die mit Hilfe ihrer Musik das gesamte Spektrum an Emotionen aus dem tiefsten Inneren an die Oberfläche ruft. Die Show gipfelte in dem grandiosen Was bleibt? als Zugabe und nach dieser beeindruckenden Performance fiel die Rückkehr in die Gegenwart mehr als schwer.
Eine Frage beschäftigte mich dann aber doch intensiv nach dem Auftritt. Welche Kriterien befähigen einen Menschen im
Fotograben Security-Aufgaben wahrzunehmen. Dicke Muckies? Grimmiges Auftreten? Auf Drei zählen zu können scheint auf
jeden Fall nicht notwendig zu sein. Trotz anderslautender Vereinbarungen wurde man bereits nach dem zweiten Song aus
dem Fotograben getrieben. Diskussionen zwecklos. MERLONS LICHTER
Zum dritten Mal innerhalb von sieben Monaten MERLONS LICHTER. Da rechnete ich nicht unbedingt mit furchtbar großen
Überraschungen. Und doch... ich kann mich nicht erinnern, dass die Band jemals in ihrer langen Geschichte die
Gitarren so heftig und agressiv in den Vordergrund gestellt hatte. 'MERLONS go Metal' wäre jetzt sicher etwas
übertrieben ausgedrückt, aber die erdigen, schmutzigen Gitarrenriffs hoben doch einige der Songs auf eine neue
Existenzebene. Mir gefiel dieses Facelifting der Kompositionen ausgesprochen gut, und vor allem nach der
gitarrenfreien Zone MILA MAR war es mehr als angenehm mit der Sechsaitigen ein paar übergebraten zu bekommen.Die MERLONS hatten das Publikum recht schnell im Griff, wenngleich zu Beginn noch einige unqualifizierte Zwischenrufe die Rückkehr von Ex-Sängerin Ani forderten. Auffällig, dass das Publikum sehr mittelalterfixiert war und somit Stücke wie Fiere oder Yoik für die stärksten Resonanzen sorgten. Ein paar Auszüge aus "Die wahre Mutter Gottes", leider nicht Eli, Eli Lema Sambachtani, ein paar Klassiker wie Deswegenweise und gegen Ende der Show gab es mit Ich würde so gerne in Dir sein noch einen neuen vielversprechenden Song, der auch auf dem aktuellen Album eine gute Figur gemacht hätte. Obwohl heftig gefordert musste die Band ihre fest eingeplante Zugabe dem hoffnungslosen Versuch opfern einigermaßen den Zeitplan einzuhalten. Hätte man stattdessen doch besser den albernen Pausenclown heim geschickt, der meinte die Bands mit halbgaren Standardformulierungen, die dreist aus den jeweiligen Plattenfirmeninfos geklaut waren, ankündigen zu müssen. Vor allem von MERLONS LICHTER in einer solch bestechenden Form wie an diesem Tag hätte es ruhig noch etwas mehr sein dürfen. SCHANDMAUL
SCHANDMAUL sind die aktuellen Shooting-Stars der Mittelalterszene, was bei einigen der etablierten Bands nicht gerade
mit uneingeschränktem Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Um so mehr liegt das Publikum dieser Band zu Füßen, wo
immer sie auch auftritt. Auch Burg Veldenstein machte da keine Ausnahme und mittlerweile war es im Hof vor der Bühne
so eng geworden, dass der Fotograben nur noch unter erheblichen Mühen erreicht werden konnte.Was aber ist dran an dieser Band? SCHANDMAUL sind ganz einfach erfrischend anders als das Gros der Szenekollegen. Anstatt auf bratende Gitarren oder harsche Elektroklänge zu setzen suchen SCHANDMAUL ihr Heil in einer verstärkten Zuwendung zum Folk und zur Liedermacherszene. Damit gehen sie locker als legitime Nachfolger von OUGENWEIDE durch, freilich vom Nostalgiestaub der Siebziger befreit, um einiges frischer und moderner. Oder aber, man nähert sich der Band aus der Folkrock-Seite, dann kann man durchaus Paralellen zu britischen Folkrockern wie der OYSTERBAND oder den LEVELLERS ziehen, aber eben angereichert mit mittelalterlicher Ausrichtung. Auf der Bühne überzeugen SCHANDMAUL als eine Band, die für Partystimmung sorgt und sehr spontan wirkt, dabei ist es jedoch nicht zu übersehen, dass viel Arbeit in die Bühnenpräsentation der Band gesteckt wurde. Die Choreographie sitzt, und das muss sie auch, denn sonst käme es unweigerlich zu einem Chaos. Vor allem Birgit Muggenthaler und Anne Kränzlein sind fast ständig in Bewegung. Die Posen stimmen und da sie nie aufgesetzt wirken, vermitteln sie ein harmonisches Bild der Band. Auch musikalisch ist alles im grünen Bereich. Die Schandmäuler haben alle ihre Hits am Start, sei es nun Herren der Winde oder Die goldene Kette. Im Publikum herrscht gute Laune und ausgelassene Party-Stimmung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger erwartet man von SCHANDMAUL. Ein überzeugender Auftritt, der geradezu nach einer Wiederholung schreit. FIDDLER'S GREEN
FIDDLER'S GREEN wirkten auf den ersten Blick etwas deplaziert im Billing. Andererseits gibt es nur wenige Bands die man
so problemlos auf jedem x-beliebigen Festival völlig unabhängig von der stilistischen Ausrichtung einbauen kann. Die
fränkischen Speedfolker könnte man bei einem unsäglichen Popkomerzspektakel wie Rock am Ring genau so
präsentieren, wie auf einem der Hard Union-Festivals, oder eben beim Feuertanz.Live sind die FIDDLER'S eine Macht und in Verbindung mit dem Heimvorteil - das heimische Erlangen ist ja gleich um die Ecke - räumte die Band nach allen Regeln der Kunst ab. 'Spaß haben' war das Gebot der Stunde, sowohl vor als auch auf der Bühne. Die Mischung aus keltischen Folktraditionals und Eigenkompositionen verfehlte ihre Wirkung nicht und Band und Publikum feierten eine ausgelassene Party. FIDDLER'S GREEN sind eine Band die von Gegensätzen lebt und auch mit ihnen spielt. Da hüpft der Metal-Gitarrist mit einem Sänger, der wie der Traum eines Schwiegersohns aller spießigen Mütter aussieht, gemeinsam um ein Pappmaché-Schaf. Traditionelle, meist akustischen Folkinstrumente und hart rockenden Gitarren setzen spannende Kontrapunkte und harmonieren doch auf scheinbar wundersame Weise. Selbst die unvermeidlichen Reggea- und Ska-Einschübe erträgt man mit Fassung. Spätestens bei The bonnie ship the diamond oder Blarney roses ist die Welt ja wieder in Ordnung. Eins muss man FIDDLER'S GREEN einfach lassen: Sie haben einen verdammt hohen Unterhaltungswert. IN EXTREMO
Das IN EXTREMO zu den derzeit heißesten Liveacts zählen sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Das liegt
allerdings nicht nur daran, dass bei den Mittelalter-Rockern auf der Bühne mittlerweile eine regelrechte
Materialschlacht tobt. Vor Ort sah man sich sogar noch gezwungen, sich bei lokalen Handwerksbetrieben mit weiteren
Gasvorräten einzudecken.Alle paar Sekunden blitzt und donnert es irgendwo, sprüht ein Funkenregen oder schießt eine Flammenfontäne in den Nachthimmel. Dazu kommt eine perfekt ausgeklügelte Choreographie der Musiker. Ja, die Laufwege müssen stimmen, will man bei einer solch intensiven Pyroshow nicht auf der Bühne gegrillt werden. IN EXTREMO bewegen sich auf einem schmalen Grad. Wenn die Spontanität der Performance geopfert werden muss, dann ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Sterilität. Doch der Band steht als Gegengewicht das exquisite Songmaterial zur Verfügung. Mit dem Fundus aus den beiden hervorragenden Alben "Sünder ohne Zügel" und "Verehrt und angespien" kann man schon ein abendfüllendes, mitreißendes Programm präsentieren. Das war nicht immer so, wenn man sich an die Zeiten erinnert, als man nur die Songs des Debüts "Weckt die Toten", das doch einige schwächere Stücke aufweist, zur Verfügung hatte. Gerade bei den alten Stücken des Debüts wird deutlich, welch Fortschritte die Band in musikalischer Hinsicht gemacht hat. Das Palästinalied oder Ai vis lo lop stehen heute live den aktuellen Songs in Punkto Ausstrahlung und Energie in nichts mehr nach, obwohl die Studioversionen das Gefühl vermitteln schon etwas Staub angesetzt zu haben. IN EXTREMO bieten auch auf Burg Veldenstein ein beeindruckendes Konzerterlebnis, doch so richtige Begeisterung will sich bei mir dieses Mal nicht einstellen. Das liegt aber nicht an der Band, sondern einfach daran, dass viel zu viele Leute sich auf zu wenig Raum drängen und das Konzerterlebnis gewaltig schmälern. Danke an Jutta Münch vom Konzertbüro Franken für die freundliche Unterstützung, Achim und Familie für das spontane Grillen im Garten und natürlich Jörg Litges (Scans). Juli/August 2002 Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), 30.08.2002 |
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