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Reichenbach, Die Halle, 30.10.2003 & Geislingen, Rätsche, 08.11.2003

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Fotos:
Adelina Schmidtlein

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Eddie Stone & Klaus Brosowski
Eddie Stone & Klaus Brosowski
Doc Holliday - John Turner Samuelson & Bruce Brookshire
John Turner Samuelson & Bruce Brookshire
Doc Holliday - Danny 'Cadillac' Lastinger
Danny 'Cadillac' Lastinger
Georg Bayer & Bruce Brookshire
Georg Bayer & Bruce Brookshire
Lizard - Georg Bayer
Georg Bayer
Lizard - Ralf Mende
Ralf Mende
Lizard - Klaus Brosowski
Klaus Brosowski
Doc Holliday - Eddie Stone
Eddie Stone
Doc Holliday
Doc Holliday
Reichenbach, Die Halle, 30.10.2003

Lizard - Georg Bayer

Fragt mich neulich eine Freundin, ob es denn möglich ist, über Bands objektiv zu berichten, wenn man sie schon so oft gesehen hat. Aber nein, natürlich nicht. Die Frage ist ohnehin falsch, denn über Musik kann man nicht objektiv urteilen. 99% sind Gefühl und objektive Subjektivität gibt es nicht.
Also auf nach Reichenbach und den Tourstart von DOC HOLLIDAY und LIZARD kritisch begutachten.

Man glaubt es kaum, aber auch auf der x-ten gemeinsamen Tour schaffen die beiden Bands es, die "Halle" so richtig voll zu machen. Als ob die Schwaben am Donnerstagabend nichts anderes vorhaben. So macht Rock & Roll Spaß.
Jede halbwegs menschliche Band reagiert auf ein volles Haus und entsprechend enthusiastisch fiel dieser kurze und um so knackigere Gig aus. Man glaubt kaum, wie schnell 60 Minuten vergehen, wenn Publikum und Musiker Vollgas geben.

Lizard - Berner & Dörfler

Mit Songs wie denen vom neuen Album "Lonely Are The Brave" im Background, kann man die Setlist problemlos modifizieren und selbst wenn das Publikum die neuen Nummern noch nicht kennen kann funktioniert es wunderbar. Rock'n'Roll-Knaller wie Travelling Band sowieso, aber eben auch die anspruchsvollen, zum Zuhören zwingenden Groover im mittleren Tempo- und Härtebereich. Genau wie auf CD baut die Band live massenhaft "Widerhaken" und Aha-Effekte ein, keine Möglichkeit für ein zweistimmiges Solo bleibt ungenutzt, Christoph Berner hat sein Slide-Spiel weiter verfeinert und Keyboards können weitaus mehr als Honky-Tonk- und Hammond-Töne von sich geben. Es ist eben insgesamt eine perfekte Zusammensetzung.

Lizard - Ralf Mende

Das Stageacting hat sich weiter verbessert, es geht immer direkt nach vorne, vor allem Ralf Mende am Bass lässt permanent die Sau raus. Inzwischen kommen LIZARD beinahe so lässig rüber wie Bruce Brookshire himself.
Speziell bei den "Swamp-Rockern" wird deutlich, dass diese Musik von Stimmung und Lockerheit lebt. Dazu die derzeitige Perfektion, die bewährten Ankommer wie Josephine oder Riding On A Train und wir haben wieder mal "das beste LIZARD-Konzert aller Zeiten" gesehen.
Weltklasse, bis auf: Bring Me Some Water wurde mir vorenthalten. Direkt eine persönliche Beleidigung.

Doc Holliday - Bruce Brookshire

Showtime mit Bruce Brookshire und DOC HOLLIDAY!
Wie "verbissen" ernsthaft Bruce seine Musik und sich selbst heutzutage sieht, wird schon am Outfit deutlich. Der Mann geht tatsächlich im Chefkochhemd (mit eingesticktem Namen) auf die Bühne und beendet das Konzert nach eineinhalb Stunden mit dem Hinweis, dass er am nächsten Tag frühmorgens zurück in die Küche muss.

Doc Holliday - Eddie Stone

Dazwischen liegen 90 Minuten Entertainment pur. Duckwalk, Grimassen, Posing, Scherze, brettharte Gitarrenduelle, ein außer Rand und Band geratender Keyboarder, Bud Ford als headbangender Muppet-Bassist und die bekannten Klassiker der beiden ersten Platten.
Das ist letztlich der einzige Kritikpunkt an DOC HOLLIDAY 2003. Die Zeit zwischen 1983 und heute findet lediglich in Redneck Rock'n'Roll Band und der beinahe kompletten 89er "Song For The Outlaw" Live-LP statt. "A Better Road" von 2001 wird ignoriert, genau wie die großartige neue CD "Good Time Music". Die Begründung, dass es keinen Sinn macht, die neuen Nummern zu spielen, weil die Leute sie nicht kennen, erschließt sich mir nicht.

Doc Holliday - Daniel Bud Ford

Lediglich die beiden Coversongs Trudy und Simple Man werden gespielt und speziell Trudy wird zu einem reinen DOC HOLLIDAY-Song, keine Spur mehr von Charlie Daniels-Beschaulichkeit, das Ding rockt granatenmäßig.
Simple Man... mein Gott. Mehr Power und Gefühl kann man nicht in ein Lied stecken. Die erste und einzige Coverversion dieses Klassikers, die mir wirklich nahe geht.
Ansonsten rocken die Männer durch ihre alten Nummern, als ob es keinen nächsten Tag mehr gibt.

Im Zugabenteil gab es noch ein LYNYRD SKYNYRD-Medley (mit Schorsch Bayer); ich persönlich müsste Sweet Home Alabama und Call Me The Breeze eigentlich nicht unbedingt haben, aber da Konzerte nicht für die Schreiberlingmafia gemacht werden und die Fans eine enthusiastische Party feierten, ist auch das vollkommen in Ordnung. Vor allem in dieser Mega-Qualität.

Man muss hoffen, dass der Last Ride dieser Band noch weit in der Zukunft liegt.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.11.2003

Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.10.2003

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Doc Holliday - Gitarrenballett

Neulich schrieb ein Journalist der Süddeutschen Zeitung anlässlich des DEEP PURPLE- & MOLLY HATCHET-Konzertes in München etwas despektierlich von einem "Gitarrenballett mit Bierbauch", zu dem Sänger Phil McCormack einlüde. Aber ja, mein Herr, so ist das. Und? Unsere asketischen Augen, Ohren und Restkörper sind weitaus schlimmeres gewöhnt. Silikonbomben mit Entenbürzel, Einweg-Casting-Boy-und-Girlgroups, vollkommen abgehobene Superstars jenseits von Gut oder Böse, und wer hibbelige Jungs mit Pudelmütze und Arsch-in-den-Knien Hosen sehen will, kann ja zu NICKELPUFFYCREED gehen und hyperaktiv vor sich hin zucken.
Die Home of Rock-Schreiber und -Leser, inklusive mir, pflegen lieber ihren eigenen... Bierbauch... und rocken und rollen (ein Wortspiel, Kollege Serge Debrebant!) zu altmodischer "heiliger Ernsthaftigkeit" als zu gehypten Trends aus der Teenie-Stilberatung.

Zugegeben, Bands wie MOLLY HOLLIDAY & THE LIZARDs entsprechen nicht mehr unbedingt den heutigen Schönheitsidealen. Dafür können sie aber ihre Instrumente selber spielen und dabei auch noch gehörig Spaß über den Bühnenrand transportieren. Schade, dass sich in Geislingen (zwischen Ulm und Stuttgart, für die Ortsunkundigen) nur gut 50 Leute vom heimischen Fernseher losreißen konnten, um auch Spaß zu haben. Aber bei Gottschalk war harte Konkurrenz in Form von Justin Timberlake. Zitat All Music Guide: "As both a member of *NSYNC and a solo artist, Southern superstar Justin Timberlake has played a major role in the teen pop explosion of the '90s and 2000s."
Tja.

Lizard - Berner & Dörfler

Ich bin es müde, immer und immer wieder den selben Sermon zu predigen, aber auch diesmal muss ich es sagen: Wer die beste Rockmusik jenseits vom Massengeschmack hören will (wobei es ja durchaus Massengeschmack sein könnte, wenn ein paar Mechanismen im Business funktionieren würden) und wer auf perfekt eingespielte Bands mit Hoppala-Effekt steht, kommt an LIZARD nicht vorbei. Es gibt kein Gitarrentandem in Europa - und nur wenige weltweit - das so geölt dahinrockt und nicht viele Bands, die so viel Aufwand und Energie in ihre Musik stecken. Himmel, was muss denn noch passieren, damit ein paar ältere und jüngere Menschen auf die Idee kommen, mal wieder einen Abend im Club zu verbringen um gepflegt vor sich hin zu swingen. Und damit meine ich Clubs mit Livemusik!

LIZARD liefern bekanntlich nicht nur High-Energy-Rock'n'Roll mit zwei Leadgitarren ab, sondern im Prinzip die gesamte Palette zeit- und unzeitgemäßer Rockmusik der letzten 35 Jahre. Wer also von Paul Rodgers über Dickey Betts bis hin zu Sonny Landreth (das ist ein genialer Slide-Gitarrist, nur so nebenbei) CDs im Schrank stehen hat, der kann bedenkenlos auch "Lonely Are The Brave" kaufen oder sich zwischen den vielen (hüstel) Konzerten der genannten Herren eines der Eidechsen gönnen.
Für die vielen jetzt kommenden Neueinsteiger: Diese Band war schon immer gut, hat sich aber in den letzten Jahren um Lichtjahre verbessert und inzwischen einen Grad der Perfektion erreicht, der möglicherweise nicht mehr zu toppen ist. Schnell hin, bevor es möglicherweise irgendwann zu spät ist!

Die Songs dieses Konzertes sind unwichtig, es sind nie die falschen, aber ich hab endlich "mein" Bring Me Some Water gekriegt (wirklich ein Monster-Rock'n'Roll) und dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass ich den Begriff "Southern Rock" mit keinem Wort erwähnt habe. Ratet mal warum!

Doc Holliday - Daniel Bud Ford & Bruce Brookshire

Weil es nämlich Southern Rock satt im Anschluss gibt, wenn Bruce Brookshire, John Turner Samuelson, Daniel Bud Ford, Eddie Stone und Danny 'Cadillac' Lastinger auf die Bühne steigen und einmal mehr ihre glorreiche Vergangenheit zelebrieren.
"Vergangenheit" deswegen, weil sich DOC HOLLIDAY scheuen, Songs ihres neuen Albums "Good Time Music" zu spielen. Grundlos natürlich, denn ich hatte das Vergnügen, den Titelsong beim Soundcheck zu hören. Was auf CD etwas banal-altertümlich wirkt, kommt live dermaßen hammerhart, dass ein headbangendes Publikum garantiert wäre.
Wie vor einer Woche in Reichenbach, kommen dennoch zwei Songs von "Good Time Music" zum Einsatz. Trudy und Simple Man, aber die sind ja bekanntlich gecovert. Trotzdem der pure Irrsinn, wenn man die Herren aus Macon, G.A. dabei sieht und hört.

Fakt ist, dass DOC HOLLIDAY in den frühen Achtzigern einige DER Genre-Hymnen überhaupt geschaffen haben und von mir aus dürfen sie all diese Klassiker bis in alle Ewigkeit immer wieder spielen. Doin' It Again, Song For The Outlaw, Last Ride, Moonshine Runner, wie sie alle heißen, es ist schlicht faszinierend, die Band zu erleben. Wie soll man es beschreiben? Locker, lässig, souverän, sympathisch, knackig, knallhart, bewegend... langt alles nicht als Attributisierung (dieses Wort habe ich hiermit neu erfunden).

Doc Holliday - John Turner Samuelson & Bruce Brookshire

Wenn es das (positive!) Klischee des Southern Rock überhaupt je gegeben haben sollte, dann erfüllen Bruce & Co. es. Gestandene Männer, die die Musik zelebrieren, die sie mögen und beherrschen und das tun sie so gut, dass wohl jedem Musiklehrer der Griffel aus der Hand fallen würde.
Es ist übrigens noch nicht Hopfen und Malz verloren! Bei beiden Konzerten waren neben den üblichen Altrockern auch relativ viele junge Frauen und Männer im Publikum und grade erstere sind tanztechnisch immer wieder ein Augenschmaus. Liest man den Bericht vom Kollegen Daus aus Hilden, muss man feststellen, dass das Rheinland möglicherweise überaltert ist...

Mein Fazit der DOC HOLLIDAY & LIZARD Tour 2003 (und gleichbedeutend der von REBEL STORM und MOLLY HATCHET): Es gibt so viel gute Musik, es wäre eine Schande, in den Sack zu hauen und aufzugeben!

Lobet diese Herren & rockt!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 09.11.2003

Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.11.2003

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