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Barry Goudreau ist ja nun eine wirklich Größe in der Rockmusik: Gitarrist bei BOSTON, deren Debüt sich in dermaßen unfaßbaren Mengen verkauft hat, daß Barry sich bis heute einen gewissen Müßiggang mitsamt exquisitem Weinkeller und eher schwächlich verkauften musikalischen Projekten in den letzten 25 Jahren leisten kann. Frontiers Records haben jetzt seine letzte Kollaboration mit Brad Delp (die Stimme von BOSTON) zusammen mit unveröffentlichten Nummern seiner 90er-Band RTZ als Doppel-CD veröffentlicht. Besprochen haben wir die CD bereits (hier klicken), jetzt hatten wir Barry an der Strippe und haben mit dem entspannt klingenden Gitarristen geplaudert.
Home of Rock: Barry, Du bist in Boston. Habt Ihr Schnee?
Barry Goudreau: Kalt ist es und wir haben eine Menge Schnee. Wir sind ja hier nicht in Florida. Ich fahre schon Ski seit ich klein bin.
HoR: Du bist Weinsammler und -trinker. Was bevorzugst Du?
B.G.: Hm, grundsätzlich französischen Bordeaux. Aber da gibt es auch eine Menge guten aus Australien oder Kalifornien. Ein paar deutsche süße Weine hab ich auch. Magst Du Eiswein?
HoR: Nö, nicht wirklich. Ich trinke das Zeug lieber, wenn es trockener Wein ist, als daß ich es bewerte. Laß uns besser über Musik reden, da kann ich besser folgen.
"Lost And Found" von Deiner Band RTZ kam ja doch etwas überraschend. Immerhin sind die Aufnahmen deutlich älter als 10 Jahre. Was steckt dahinter?
B.G.: Frontiers Records haben mich kontaktiert weil sie die "Delp & Goudreau" Platte veröffentlichen wollten. Sie haben gefragt, ob ich irgendwelche unveröffentlichten Tracks aus der RTZ Zeit hätte. Jetzt gibt es ja schon eine CD mit unveröffentlichtem Material von RTZ ("Lost" auf MTM Records aus dem Jahr 1998 - Red.), aber ich hatte natürlich noch Material. Das Problem war nur, die Sachen zu digitalisieren. Na ja, letztendlich hab ich das gemacht und an Frontiers geschickt und jetzt haben sie es zusammen mit der "Delp & Goudreau" CD veröffentlicht.
HoR: Aber RTZ ist keine "lebendige" Band?
B.G.: Nun ja, wir haben als RTZ im letzten Jahr einige Shows hier in der Gegend in Originalbesetzung gemacht. Bis Tom Scholz auf die Idee kam, BOSTON zu reaktivieren und dafür Brad Delp brauchte. Es war also eine Reunion, aber eine kurze.
HoR: Keine Zukunftspläne für die Band?
B.G.: Hm, Brad und ich arbeiten grade an einer Filmmusik. Man weiß ja nie, ob aus dem Film was wird oder nicht, ich weiß auch nicht, ob es noch mal eine RTZ Reunion geben wird.
HoR: Deine erste Filmmusik?
B.G.: Es gab schon verschiedene Projekte, aber das war nichts wirklich wichtiges.
HoR: Dein Gitarrensound ist ein recht spezieller. Im Grunde ist es Barry Goudreau, aber manchmal meine ich doch, einige Klassiker als Einfluß herauszuhören.
B.G.: Ja ja, keine Frage. Jeff Beck ist ein großer Einfluß für mich. Bevor die erste BOSTON raus kam, waren Tom Scholz und ich bei etlichen Jeff Beck Shows. Tom spielt ja auch eine Les Paul. Die Marshalls, die wir auf den ersten beiden BOSTON LPs benutzten, hat Jeff Beck auch verwendet. Bei unserer allerersten Stadionshow 1976 haben wir sogar für Jeff Beck eröffnet. Er und Joe Perry von AEROSMITH standen damals auf der Bühne und haben zugeschaut. Das hat die Sache für mich nicht unbedingt einfacher gemacht. Schließlich waren das meine Gitarrenidole.
HoR: Wenn ich mir "Lost And Found" und die beiden ersten BOSTON anhöre, hat das schon deutliche Ähnlichkeiten. Hat BOSTON RTZ beeinflußt oder hast Du damals BOSTON beeinflußt?
B.G.: Sagen wir mal so, es dürfte etwas von beidem sein. Als Tom Scholz damals die ersten Demos von BOSTON produziert hat, waren eben Sachen wie Jeff Beck oder BAD COMPANY große Einflüsse. Speziell der Rhythmusgitarrensound war vergleichbar. Als ich BOSTON verließ, hab ich natürlich das gleiche Equipment weiter verwendet. Selbstverständlich habe ich nicht versucht, BOSTON zu kopieren, im Gegenteil, ich wollte eigentlich mich selbst neu definieren. Aber es war halt immer noch ich.
HoR: Und deswegen klingt auch die "Delp & Goudreau" so wie sie klingt...
B.G.: Viele Leute haben aber gesagt, daß die "Delp & Goudreau" viel softer und easier sei als meine/unsere Sachen früher. Softrock und so. Ich denke aber nicht in diesen Kategorien. Das waren halt wir, als wir die Sachen gemacht haben. Ich klebe meiner Musik keine Labels auf, das ist Euer Job als Schreiber.
HoR: Du hast nur eine einzige Soloplatte gemacht. Das war 1980. Warum kam da in all den Jahren nicht mehr?
B.G.: Well, der Hauptgrund dürfte sein, daß Brad Delp und ich über die Jahre eine wirklich tolle Songwriter-Beziehung entwickelt haben. Ich gebe ihm die Soundfiles, er schreibt die Lyrics, und das klappt hervorragend. Ich will nichts machen, das irgendwie unkommod oder "halb fertig" klingt. Als das Filmangebot kam, habe ich auch sofort an Brad gedacht und ihn mit ins Boot genommen, weil mit ihm zusammen weiß ich, daß wir zeitgerecht fertig werden und die Qualität stimmt.
Brad ist außerdem mein ex Schwager. Wir haben uns also auch privat, innerhalb der Familie, ständig gesehen, nicht nur bei den musikalischen Projekten.
Auf den Punkt gebracht: Barry traut sich offenbar als Songwriter nicht das zu, was er zusammen mit Brad Delp erreichen kann.
HoR: Es gibt da so "Gerüchte", daß Du und Tom Scholz nicht die besten Freunde seid...
B.G.: Echt? Was für Gerüchte, hahaha.
Okay, ich habe BOSTON damals nicht wirklich freiwillig verlassen. Tom hat es nicht gepaßt, daß ich das Soloalbum gemacht habe, er war außerdem nicht glücklich über die Beziehung BOSTON-Plattenfirma, beziehungsweise über die Art, wie die Plattenfirma meine Platte promotet hat. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß dargestellt werden sollte, daß ich der kreative Kopf hinter BOSTON sei und nicht er. Mit dem Eindruck stand er natürlich völlig alleine da, keiner hat das so aufgefaßt. Auf jeden Fall hat er beschlossen, daß er nicht mehr mit mir arbeiten kann.
HoR: Und wie geht Ihr heute miteinander um?
B.G.: Ach, wir haben seit ungefähr 15 Jahren nicht miteinander geredet. Ich hab ein paar Mal versucht, Kontakt aufzunehmen, von ihm kam nichts und irgendwann hab ich aufgegeben.
HoR: Aber Brad Delp arbeitet nach wie vor mit ihm.
B.G.: Wenigstens hat er letzten Sommer die Tour mit BOSTON gemacht.
Und an dieser Stelle klingt Barry nicht, als ob er das Thema noch weiter vertiefen wolle...
HoR: Dein musikalischer Output in den letzten knapp 30 Jahren ist ja nun nicht wirklich riesengroß. Da war die ORION THE HUNTER Scheibe (produziert übrigens von Tony Bongiovi), die beiden CDs mit (Lisa Guyer und eben das bißchen RTZ und jetzt die CD mit Brad. Woran liegt's?
B.G.: Also erst mal hab ich natürlich viel mehr gemacht. Vieles hat es halt nie auf eine Platte geschafft. Genau wie jetzt das nicht veröffentlichte RTZ Material. Zu der Zeit, als ORION THE HUNTER Bestand hatte, also kurz vor RTZ, habe ich mit verschiedenen Sängern aufgenommen...
HoR: Du hast also quasi in den Achtzigern schon mal für die nächsten 25 Jahre vorgearbeitet...
B.G.: Ich geb ja zu, mein Output ist nicht der allergrößte, aber ich bin halt ein Familienmensch, habe ein paar Kinder, und demzufolge ist meine Motivation als Musiker nicht mehr die gleiche wie damals, als ich 25 war. Ich spiele ja auch nicht mehr so viel live, wenn, dann viele Charity-Veranstaltungen oder eben die kleine Tour mit RTZ letztes Jahr.
Ich kann mir auch vorstellen, daß wir mit RTZ nach Europa kommen. Je nachdem wie sich die Platte macht.
HoR: Gibt es eine weitere Platte unter dem Namen Delp & Goudreau?
B.G.: Momentan keine Pläne, nein. Zuerst mal diese Filmgeschichte und wir werden dann wohl auch wieder was zusammen machen, aber wie und wann...
HoR: Wie ist die Situation für Musik wie Deine in Amerika?
B.G.: In Europa schaut es wohl derzeit besser aus. Die ganze Radioszene in den U.S.A., mit dem Classic Rock Ding, ist nicht gut. Die meisten spielen Pop, für Rock & Roll ist kein Platz. Im Fernsehen sowieso.
HoR: Was erwartest Du von der Veröffentlichung in Europa? Oder besser, was passiert, wenn sich die CD 250.000 mal verkauft?
B.G.: Dann sind wir in einer Minute bei Euch drüben! Aber was kann man erwarten? Daß wir so viele Fans dieser Musik erreichen, wie nur irgendwie möglich ist. Mit ein bißchen Glück schaffen wir tatsächlich ein bißchen was und dann sind wir auch schon auf dem Weg zu Euch.
Was mich immer wieder überrascht ist, daß ich viel Feedback von jungen Leuten bekomme. Natürlich schreiben mir auch viele Fans von früher, aber offenbar wird unsere Musik doch immer häufiger von jüngeren Leuten entdeckt.
HoR: Letzte Frage. Was sind so richtig wichtige Platten für Dich?
B.G.: Hm, ich bin ja großer BEATLES Fan, Brad ebenfalls, "Abbey Road" ist ganz wichtig. "Blow By Blow" von Jeff Beck ist ein großes Album. Die ersten Platten von BAD COMPANY natürlich. Great sound, great voice, phantastic.
HoR: Paul Rodgers geht jetzt mit QUEEN auf Tour...
B.G.: Really? Das ist aber interessant. Paul Rodgers mit QUEEN, hmmm. Da bin ich gespannt.
Wir auch! Herzlichen Dank an Barry Goudreau und an Sandra von Undercover Promotion.
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