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Jon Schaffer

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"Du bist der Widerstand!"

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Iced Earth
"Iced Earth" (1991)
Night Of The Stormrider
"Night Of The Stormrider" (1992)
Burnt Offerings
"Burnt Offerings" (1995)
The Dark Saga
"The Dark Saga" (1996)
Days Of Purgatory
"Days Of Purgatory" (Compilation, 1997)
Something Wicked This Way Comes
"Something Wicked This Way Comes" (1998)
Alive In Athens
"Alive In Athens" (1999)
Horror Show
"Horror Show" (2001)
The Glorious Burden
"The Glorious Burden" (2004)
Framing Armageddon
"Framing Armageddon" (2007)
The Crucible Of Man – Something Wicked Part II
"The Crucible Of Man – Something Wicked Part II" (2008)
Dystopia
"Dystopia" (2011)

Es gibt Bands, bei denen die Veröffentlichung eines neuen Albums ein Ereignis ist, dem nicht selten Millionen Fans entgegenfiebern; wegen der Musik und/oder der Beliebtheit der Gruppe. IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, METALLICA, BLIND GUARDIAN... Die Liste dieser gerne als "Ausnahmebands" bezeichneten Formationen ist ganz schön lang, wenn man eine Weile darüber nachdenkt.
Apropos nachdenken: Mir ist - leider erst nach dem Interview mit Jon Schaffer, verdammt! - Folgendes aufgefallen: Obwohl ICED EARTH einen äußerst eigenständigen Stil entwickelt haben, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich die Sänger klingen - und trotzdem passen.
Von dieser Seite betrachtet ist Stuart Block der beste Mann, den Bandleader Schaffer für sein "Baby" finden konnte, nachdem Matthew Barlow aus familiären Gründen zum zweiten Mal ausgestiegen war. Schaffers Wahl kriegt was Geniales, wenn man bedenkt, welchen Spagat der Kandidat vollbringt: Hier das eine Extrem, die warm-kraftvolle Stimme des bei den Fans besonders beliebten Matt, am anderen Ende des Spektrums steht der Techniker Tim "Ripper" Owens, ein ehrfurchtgebietender Kopfstimmen-Athlet. Er besitzt zwangsläufig nicht diese Wärme in der Stimme (eins geht nur); dennoch war er für die von ihm eingesungenen Alben genau der Richtige. Würde der neue Mann einem der beiden das Wasser reichen können? INTO ETERNITY-Fans konnten die Antwort sofort geben: Und ob! Block ist mit einer faszinierend wandlungsfähigen Stimme gesegnet, die es ihm erlaubt, übergangslos von Halford-Screams oder Death-Metal-Grunzen zu sanften, eindringlichen Tönen zu wechseln. Also von wegen "Eins geht nur!" Der Kanadier beweist scheinbar mühelos das Gegenteil. Beeindruckend dabei ist die Intensität, die auf die Musik abfärbt; stets spürt man die Kraft, die dahintersteckt. Manchmal lauert sie dir regelrecht auf, bereit, dich im nächsten Moment aus dem Hinterhalt anzuspringen. Sowohl die harte (Kopf)Arbeit des Ausbaldowerns als auch die Freude am Einsingen der gefundenen Gesangslinien hört man dem Ergebnis deutlich an. Durch die Kombination aus Eingängigkeit und Härte schließlich könnte "Dystopia" zu einem wegweisenden Album werden, durch das viele Kids vom Heavy Metal-Virus befallen werden. Time will tell!

Home of Rock: Ich bin mir noch nicht sicher, ob "Dystopia" tatsächlich das beste ICED EARTH-Album ist, aber es ist mein Favorit. Die CD ist so abwechslungsreich. Ich finde sogar, ihr habt euch hiermit ein Stück weit neu definiert.
Jon Schaffer: Nun, es ist definitiv ein Schritt nach vorne; das auf jeden Fall. Ich hoffe, die Leute sehen das genauso. Und die Reaktionen, die ich bislang von Journalisten bekommen habe, sind hervorragend. Im Endeffekt entscheiden natürlich die Fans, ob sie das Album wirklich lieben oder nicht. Ich meine, ich liebe es, und das ist das Erste, worauf es ankommt. Ich stelle höhere Ansprüche an mich selbst als jeder andere. Wenn ich glücklich damit bin, wird es der Großteil der Fans auch sein.
HoR: Der Vibe dieses Albums ist ungeheuer positiv, sogar wenn ihr über negative Dinge singt. Ist das die "Chemie", von der du auf eurer Homepage sprichst?
J.S.: Äh, dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal bin ich heute eine viel positivere Person. Ich bin um einiges glücklicher und mehr im Einklang mit mir selbst; ich verstehe die Dinge besser, die um mich herum passieren. Das geschah vor ein paar Jahren, als ich das hatte, was ich mein "Erwachen" nenne. Dieses Erlebnis hat mein Leben verändert. Es hat mich in eine weitaus positivere... Ich weiß nicht, es ist schwer zu erklären. Es ist so, als wenn du dein ganzes Leben lang herumläufst, und du spürst, etwas läuft falsch, aber du weißt nicht genau, was es ist und wo der Fehler liegt. Du weißt nur, es ist nicht richtig, mit all der Ungerechtigkeit in der Welt und dem ganzen Mist. Und dann kam ich an diesen Punkt in meinem Leben, als ich vollkommen ausgebrannt war: fast 20 Jahre kein Urlaub. Also machte ich Ferien und fing an, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Und dann erfuhr ich von diesen schrecklichen Dingen, in die mein Land verstrickt ist, auf eine sehr reale Weise. Und es war einfach... Es machte mich einfach... Ich war sowas von angepisst! Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch befreit, die Wahrheit zu kennen. Und das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Das ist alles, was ich sagen kann. Von daher war ich euphorisch und aufgeregt und so glücklich mit ICED EARTH wie seit Jahren nicht mehr, weil ich so ausgebrannt war. Und hierdurch bekomme ich eine völlig neue Perspektive, daher ist die Energie hinter dem ganzen Prozess sehr positiv. Und dann kommt noch jemand wie Stu dazu, der jung ist und hungrig. Er hat die tollste Einstellung, die man sich vorstellen kann, um miteinander zu arbeiten. Er ist offen für jeden Vorschlag, gewillt, alles auszuprobieren, er ist dankbar für die Gelegenheit und die Kenntnisse, die ich ihm vermittle... Es ist eine tolle Sache, Mann! Es ist ein großartiger, positiver Vibe. Es war eine intensive Zeit, diese Platte zu machen, weißt du, es war wirklich... Wir standen mächtig unter Druck, aber hatten immer Spaß - und das kannst du spüren. Und was auch cool ist, ist, dass die Themen in den Songs echt fuckin' düster sein können. ABER: Es gibt auch Songs voller Hoffnung über das ganze Album verteilt. Und das ist das Coole. Du hast Anthem. Du hast Tragedy And Triumph. Einer der Bonustracks auf der Digipack-Version heißt Iron Will, ein sehr positives Lied. Es besitzt also die ICED-EARTH-Dunkelheit, aber wir hatten echt Spaß, diese Platte zu schreiben und aufzunehmen.
HoR: Mein Lieblingssong - zumindest im Moment - ist Dark City.
J.S.: Oh ja, der ist sehr beliebt.
HoR: Der Abwechslungsreichtum, sowohl musikalisch als auch im Gesang, ist faszinierend.
J.S.: Ja, das ist es, hahaha, ist es, Mann! Ich meine, wie gesagt, wenn du... Stu ist wie Matt, als er das erste Mal in die Band kam. Er hat eine großartige Einstellung, er ist gewillt, alles auszuprobieren... Aber weißt du, der Unterschied ist, dass Stu von einer Death Metal Band kam, einer progressiven Death Metal Band. Obwohl er echt hoch gesungen hat, Halford-mäßige Parts und einige richtig hohe Refrains, hat er das gesamte mittlere Spektrum seiner Stimme nie erforscht. Und, weißt du, als ich mit ihm am Telefon sprach, sagte ich zu ihm: "Das ist eine große Sache, denn das ist es, woran ich zuerst dachte. Deshalb müssen wir sehen, wie du im mittleren Bereich klingst. Wir müssen uns auf diesen Teil deiner Stimme konzentrieren, den du nie erkundet hast." Er war also offen dafür, es auszuprobieren - und es funktionierte hervorragend! Und wir machten einfach weiter und probierten weiter verschiedene Dinge aus und pushten weiter, und während der ganzen Zeit legte er eine Killer-Einstellung an den Tag und nahm, wie bereits gesagt, alles dankbar an und war glücklich, dabei zu sein. Ich denke, es ist eine sehr gute Partnerschaft, die wir haben. Die Band ist tight, Mann!
HoR: Days Of Rage ist geil, so wie es ist, aber es ist auch ein Stück, mit dem man alles Mögliche anstellen könnte.
J.S.: Ja, das ist wahr, aber das ist einfach nur als kurzer Tritt in die Eier gedacht und soll gar nichts anderes sein. You know, it's like two minutes or something and - boom! It's just it. Es ist, was es ist.
HoR: Basiert der Titelsong Dystopia auf dem Computerspiel oder dem Comic?
J.S.: Kenne ich beides nicht. Dystopia bezieht sich direkt auf die "Something Wicked"-Geschichte; dasselbe gilt für den letzten Song, Tragedy And Triumph. Die beiden sind mit der "Something Wicked"-Story verbunden. Wir wollten ein dystopisches Thema auf dem Album haben. Daher haben wir einige Songs über Filme: V handelt von "V wie Vendetta", des weiteren "Dark City", "Equilibrium", "Soylent Green"... Darüberhinaus zwei aus der "Something Wicked"-Story, die ebenfalls total dystopisch ist. Dann kommt am Ende eben das dabei heraus. Dystopia selbst handelt von Menschen, die aus dem Land vertrieben und in Gefängnisstädten zusammengepfercht werden, verstehst du; Städte, die hermetisch abgeriegelt sind und wie Polizeistaaten kontrolliert werden. Das ist es, was man auf dem Album-Cover sieht: Da ist Set (Set Abominae, das ICED EARTH-Maskottchen), der über den Gebäuden aufragt, dazu sich überschneidende Suchscheinwerfer und die Gefangenen und alles, um den Punkt in der Geschichte zu verdeutlichen, an dem die Menschheit zusammengetrieben und darauf vorbereitet wird, abgeschlachtet zu werden. Und Tragedy And Triumph beschreibt, wie die Menschheit schließlich doch als Sieger aus der Sache hervorgeht und frei ist. Es ist ziemlich cool.

HoR: Was mir besonders imponiert: Mit den positiven Songs auf dem Album schafft ihr es tatsächlich, den Effekt rüberzubringen, dass diese Stücke wirklich aufbauend sind. Eine Zeile wie "We are the resistance" ("Wir sind der Widerstand") gibt mir Auftrieb, wenn ich sie höre.
J.S.: Das ist klasse, Kumpel. Das war der Gedanke dabei. Die Idee dahinter ist, ein sehr düsteres Bild zu malen, aber dann den Menschen ein wenig Hoffnung zu geben und zu versuchen, sie zu inspirieren, dass mit Wissen und Glaube an dich selbst und indem du wieder zu deiner Menschlichkeit zurückfindest, du die Antwort bist. Du bist der Widerstand!
Wenn du in den Spiegel schaust: Du willst Lösungen? Blick in den Spiegel! Ich denke, es geht einfach darum, den Menschen Hoffnung zu geben. Gib den Menschen Hoffnung, Mann! Die Menschen fühlen sich ziemlich verloren. Und ich denke, es ist... weiß nicht... Wenn die Menschen den Wunsch haben zu lernen und zu verändern und sich wieder mit ihrer Menschlichkeit zu verbinden, dann ist alles möglich. Es fängt jedenfalls auf der persönlichen Ebene an, finde ich. Ich glaube, wir leben in einer historischen Zeit. Ich weiß nicht, wohin das alles führen wird, aber es wird Geschichte schreiben, das ist sicher.
HoR: Eine Zeile auf Dystopia lautet: "Experimenting understands the human soul." ("Experimente erfassen die menschliche Seele.")
J.S.: Ja, hahaha, könnte sein.

HoR: Hat Stu all die verschiedenen Gesangsspuren auf "Dystopia" eingesungen?
J.S.: Stu hat das meiste davon gemacht. Einige Group-Vocals wurden gemacht, das waren ich, Jim (Morris), Stu und Howard Helm. Doch wenn es sich um eine Harmonie für eine einzelne Zeile handelt, dann ist es höchstwahrscheinlich Stu, den du hörst. Wir haben in der Abteilung nicht zuviel gemacht, weißt du, gigantische Refrains und sowas. Wir haben uns in jeder Hinsicht auf das Wesentliche konzentriert. Es ist ein viel fokussierteres Album. Das war ein ganz natürlicher Vorgang, Mann. Wie gesagt, die Energie hinter dem Album ist weitaus positiver und konzentrierter als bei den letzten Scheiben. Während der Entstehung des letzten Albums habe ich mehrere Familienmitglieder verloren, und das wirkte sich auf das Album aus. Besonders auf "Crucible" ("The Crucible Of Man", 2008). "Framing Armageddon" (2007) war besser, aber "Crucible"... Ich schrieb das Meiste davon in dem Zeitraum und wir nahmen vieles davon um die Zeit herum auf. Zuerst starb mein Bruder, dann starb mein Vater, dann meine Schwester - alle innerhalb eines Jahres. Das war brutal! Und ich kann es in der Musik hören. Ich kann hören, insbesondere auf "Crucible", wie haltlos ich war. Ich kann mir die Arrangements anhören, und heute sage ich: "Mann, da sind coole Parts drauf, aber sie sind nicht richtig arrangiert. They're just not arranged where I was like." Ich war nicht von Anfang bis Ende da. Ich habe mein Bestes getan, aber...

HoR: Nach dem zweiten ICED EARTH-Album "Night Of The Stormrider" (1991) wart ihr mehr oder weniger pleite, soweit ich weiß...
J.S.: Also, ich meine... um pleite zu sein, musst du erst mal Geld haben, hahaha! Weißt du, ich hatte immer noch kein Geld, und ich war sauer deswegen, denn ich wusste, wie viel die Band verkaufte. Wir machten keine Kohle. Wir waren also nicht wirklich bankrott, weil wir eh nie Geld hatten.
HoR: Das "Anvil-Syndrom"?
J.S.: Wahrscheinlich ein bisschen, ja.

HoR: Ich habe ein Faible für euer erstes Album (1990), besonders für When The Night Falls. Es ist schwer zu beschreiben, aber wie... woher kommt die Atmosphäre?
J.S.: Nun, Mann, das ist zwar old stuff, aber das war tatsächlich ein recht großes Album, wenn man bedenkt wie wenig Geld dafür ausgegeben wurde und im Hinblick auf die Produktion; überdies waren wir bei einem brandneuen kleinen Indie-Label wie Century Media. Ich meine, das Album hat sich im ersten Jahr 500 Mal verkauft. Das ist schon eine Hausnummer. [500? Red.] Und es war erfolgreich. Aber wo die Musik herkam, die Energie, ich meine, das war einfach ein junger, aggressiver Typ, der das Zeug schrieb und noch seinen Weg suchte. Du musst bedenken, die Songs auf unserer ersten Scheibe waren mit das erste von mir geschriebene Material überhaupt. Ich meine, ich hatte zu der Zeit schon einiges von dem "Stormrider"-Album verfaßt, und vielleicht waren die Songs besser, doch ich wollte meine Karriere katalogisieren - wie ich mich als Künstler weiterentwickle. Ich möchte, dass alle Alben mein Wachstum als Songwriter und zugleich das, was in meinem Leben passiert, unmittelbar widerspiegeln. Also tun sie das. Ich meine, ich kann auf jede dieser Platten zurückblicken und weiß genau, was in meinem Leben abging. Ich fühle es. Ich erinnere mich an jene Zeiten, wie immer sie auch gewesen sind.
HoR: Mit wie vielen verschiedenen Covern ist "Stormrider" im Laufe der Jahre eigentlich herausgebracht worden?
J.S.: Äh, ich glaube, vier. Nein, tatsächlich sind drei auf den Markt gekommen. Das erste war einfach furchtbar, dann folgte ein Gemälde, das war echt gut. Und dann, als sie den Katalog überarbeiteten, wurde es in einem animierten oder Comicbuch-Stil veröffentlicht.

ICED EARTH - "Dystopia", Century Media (2011)
Für ICED EARTH beginnt eine neue Ära. Nicht nur, weil Jon Schaffer mit Stuart Block den vielseitigsten - und hoffentlich, hoffentlich letzten! - Sänger in seinen Reihen hat. Gerade dieser Umstand schafft die Voraussetzungen für Songs, die vor Dynamik vibrieren - und DAS ist der entscheidende Punkt. Die Kombination aus kontrollierter Power und melodiöser Eingängigkeit verblüfft in dieser geballten Form immer wieder aufs Neue. Und süchtig macht sie obendrein. Hört auf zu lesen und holt euch dieses Hammerteil. SOFORT!

Michael Schübeler, (Artikelliste), 15.10.2011

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