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Gemütlicher Interviewtag bei Nois-O-lution in der Kreuzberger Cuvrystraße. Diesmal gaben sich der Sänger, Gitarrist und Mastermind von HARMFUL, Aren Emirze, und das neue vierte Bandmitglied der Hessen die Ehre. Bei letzterem handelt es sich um keinen geringeren als Ex-FAITH-NO-MORE-Bassist Billy Gould, der das kommende HARMFUL-Album von nicht nur produziert hat, sondern als zweiter Gitarrist auch auf der kommenden Tour mitwirken wird. Zunächst begannen wir das Gespräch in deutsch, da ich Aren ja erst vor kurzem auf der EMIRSIAN-Tour getroffen hatte und Billy noch am Laptop herumwerkelte, später stieg dann Billy auf Englisch mit ein.
Home of Rock: Eure neue Scheibe ist sehr schön geworden, vor allem der Sound ist wirklich hammermäßig. Einerseits reduziert, aber andererseits doch ziemlich fett und auch warm, finde ich. In Sachen Songwriting denke ich, dass Ihr ein paar Sachen von "Sis Masis" mitgenommen habt, so ein bisschen das sich öffnen, ein bisschen weicher werden und trotzdem dann wieder die Härte, die HARMFUL immer auszeichnete, reingebracht habt. Diese Mischung fand ich gut.
Aren: Hast Du das auch so empfunden, dass es wieder etwas härter geworden ist?
HoR: Ja, wieder ein wenig weg vom Pop, in die Richtung ging ja "Sis Masis", wieder härter, aber eben auch die guten Seiten von "Sis Masis" mitgenommen. Und es ist auch wieder ein Album, das sich nicht schnell abnutzt, man kann es immer wieder hören und es gewinnt mit der Zeit noch dazu.
Aren: Ja, schön, dass Du das findest.
HoR: Jetzt habt Ihr es ja schlicht und einfach "7" genannt. Hatte das einen bestimmten Grund oder steckt ein neues Konzept dahinter?
Aren: Kein Konzept. Kein Grund. Einfach nur Fakt, die siebte Platte einer Band, die eben sieben Platten gemacht hat. Wir wollten da nicht großartig Bedeutung reininterpretieren, sondern einfach: "das ist unsere siebte Platte, hier habt ihr sie und nehmt es oder nehmt es nicht an."
HoR: Im Prinzip soll die Musik für sich selbst sprechen.
Aren: Genau. Die Platte versprüht auch dieses Selbstbewusstsein ein bisschen. Dass wir jetzt wissen, ok, das ist es. Viele Leute dachten nach "Sis Masis", vielleicht gehen die noch mehr in eine poppige Richtung, aber dann würde ich jegliches Gefühl für HARMFUL verlieren. Darum sind wir diesen Schritt zurück gegangen, aber gleichzeitig einen Schritt nach vorne. Einen Schritt zurück nach vorne. Um diese HARMFUL-Komponente wieder mitzunehmen und weiter voranzugehen. "Sis Masis" hat uns schon wirklich weitergebracht, und ich denke, die beiden Platten passen auch gut zusammen.
HoR: Ja, sie ergänzen sich insofern ganz gut. Die ganzen armenischen Einflüsse hast Du ja zurückgenommen, es ist zunächst eine geradeaus rockende Platte geworden, aber Euer Songwriting hat sich einfach geöffnet, wenn man mal mit "Sanguine" vergleicht. Und natürlich sind hier die beiden großen Namen, nämlich Billy Gould und Flemming Rasmussen, die sicherlich auch für die Medien interessant sind. Wie kam es denn zu der Zusammenarbeit mit den beiden?
Aren: Bill ist befreundet mit einem Freund von mir, der hat den Bill mal angerufen und wir haben dann gemeint, das wird super passen, ich habe das Gefühl, dass uns was verbindet, schon zu Zeiten von FAITH NO MORE. Billy hat sich von uns Sachen im Netz angehört und hat gesagt, ok, das machen wir. Er hat dann den Kontakt zu Fleming Rasmussen vermittelt und alle hatten sehr viel Spaß an der Sache. Es war alles mit sehr viel Spaß und Realismus verbunden.
HoR: Ich glaube, das ist klar, dass es alleine die Musik war, die die Verbindung geschaffen hat. Wie lief die Produktion und das Abmischen?
Aren: Die Produktion, also wir haben 10 Tage in Köln aufgenommen. Der Guido (Lucas; Anm. d. Red.) hat zusammen mit Christian Wagner das Engineering übernommen und Billy hat das produziert. Er hat in den 10 Tagen alles das aufgenommen, was wir haben wollten, und versucht, das, was ihm nicht gefallen hat, so umzuändern, dass es besser wird. Das hat sehr gut geklappt. Beim Mischen war es ähnlich.
HoR: Es war also für alle Beteiligten eine Art Herzensangelegenheit und frei von irgendwelchen Marketinginteressen?
Aren: Ja, natürlich. Das könnten wir auch nicht. Sonst wäre es nicht HARMFUL. Wenn wir jetzt eine Band wären, die ihre Debütplatte auf den Markt bringt und mit zwei Millionen Euro Vorschuss arbeiten kann. aber nach sieben Platten kannst Du so etwas nicht aus Marketinggründen machen. Das machst Du aus Überzeugung. Wenn natürlich der Marketingeffekt mit drin ist, sage ich nicht nein. Aber in erster Linie verstehen wir uns einfach sehr gut, anders wäre es auch nicht möglich gewesen.
HoR: Es geht ja noch einen Schritt weiter, Billy hat ja nicht nur die Platte produziert, sondern nimmt auch an der Tour teil und spielt Gitarre. Wie wird das Ganze aussehen, nur bei einigen Songs oder das komplette HARMFUL-Repertoire?
Billy: Das komplette Programm.
HoR: Wie fand Deine erste Begegnung mit der Musik von HARMFUL statt?
Billy: Zuerst habe ich einfach die Musik gehört und wusste absolut gar nichts über die Band. Es war also im Prinzip ein echter Blindflug. Ich hörte Songs über das Internet ohne irgendwelche Hintergedanken oder eine irgendwie geartete Absicht. Ich mochte es sofort, ich fand es sehr geschmackvoll und stimmig. Ich vergleiche das gerne mit dem Kochen: ich mag es nun mal geschmackvoll.
HoR: Noch mal zur Live-Konzeption. Billy wird dann eine zweite Gitarre spielen, um den Sound an die Platte anzunähern?
Aren: So ist es. Wir sind immer schon eine dicke Band gewesen und jetzt wird es ein richtiger Panzer. Auf der neuen Platte ist der Sound sehr massiv. Billy hat vorher gesagt, das ist wie so ein Steak.
HoR: Was war Dein Hauptaugenmerk bei der Produktion in Bezug auf den Sound?
Billy: Nun, ich habe mir einfach erst einmal die Aufnahmen angehört. Ich habe mir angeschaut was sie komponiert haben, habe versucht zu verstehen was sie damit ausdrücken wollen und ob ich ihnen dabei helfen kann es richtig rüberzubringen, dann haben wir richtig als Team zusammengearbeitet. Letztendlich ist es aber das Album von HARMFUL, sie haben die meiste Arbeit daran verrichtet.
Aren: Aber Du hast schon auch einen wesentlichen Beitrag erbracht.
Billy: Hmm, ok, wir haben alle zusammengearbeitet.
Aren: Billy hat auch für uns gekocht.
HoR: Wie kam der Kontakt mit Fleming Rasmussen zustande?
Billy: Ich kenne ihn schon seit einigen Jahren. Ich hielt ihn für geeignet, da er nicht der "typische" Produzent ist, der nicht nach irgendwelchen trendigen Sachen schielt. Ich schätze seine Arbeit sehr, außerdem ist er einfach eine starke Persönlichkeit. Seine Persönlichkeit, zusammen mit der Ausstrahlung und Persönlichkeit von HARMFUL, da dachte ich mir, daraus kann etwas richtig Großes entstehen. Und ich bin sehr glücklich, dass alles so gut zusammen gepasst hat. Ich denke, das entscheidende bei Musik ist, dass du nicht darauf schaust wie auf eine Rechnung: wir wollen das, also nehmen wir dies und jenes und alles wird dadurch größer.
Ich glaube einfach daran, dass Musik eine Sache verschiedener Kulturen ist. Es ist wie in einer kleinen Stadt: wenn Du dort nur deutsches Essen bekommst, ist es nicht so interessant, als wenn es dort auch thailändisches Essen gibt oder indonesisches Essen. Das erhöht einfach die (Lebens-)Qualität in der gesamten Stadt. Genauso ist es mit der Musik. Wenn du verschiedene Leute mit einbringst, die auf verschiedene Art und Weise an die Sache herangehen, hast du eine viel größere Perspektive.
HoR: Das sieht man auch an Deinem Label "Koolarrow records". Eine Band wie KULTUR SHOCK repräsentiert das.
Billy: Ja, das ist ein gutes Beispiel für meine Philosophie von Musik.
HoR: Wie sieht denn die Liveplanung aus?
Aren: (lacht) Ja, wir haben erst kürzlich darüber geredet und Billy war sich nicht sicher, ob er die Tour überlebt, da er schon lange keine Tour mehr gemacht hat...
Billy: Es wird schon funktionieren. Drogen. es hat in der Vergangenheit funktioniert, also wird es auch in der Zukunft klappen (lacht). Das ist nur ein Witz.
HoR: Und viel Kaffee.
Aren: Ja, klar. Vor kurzem hatte ich ein Interview, erst mit den üblichen Fragen und zum Schluss kam dann: "was bedeutet Kaffee in deinem Leben?" Ich war vollkommen überrascht, wie er darauf kam, woher er das wusste.
HoR: Wahrscheinlich machst Du so sehr den Eindruck eines Workaholics, dass es nur mit Kaffee gehen kann.
Aren: Ja, wahrscheinlich.
Billy: Kaffee ist wichtiger als Liebe. vielleicht (lacht).
Aren: Ok, wir gehen ab Februar, März auf Tour, die wird bis April, Mai durch ganz Europa führen, so ist es geplant. Koolarrow wird unser Album außerhalb Deutschlands herausbringen. Das ist natürlich sehr gut, dass die Musik weit verbreitet wird, da sie eine ganz eigene Qualität hat.
Billy: Es ist ein universelles Album, es könnte von überall her kommen.
Aren: Aber andererseits gibt es nicht sehr viele Bands, die ein derartiges Album aufnehmen würden. Es ist insofern sehr ungewöhnlich und eigenständig.
HoR: Und EMIRSIAN läuft trotzdem auch weiter?
Aren: Ja, da habe ich schon neue Songs dafür. Ich werde auch parallel zur HARMFUL-Tour weitere neue Songs schreiben und habe dann vor, im Februar nächsten Jahres die neue Platte herauszubringen. Ein Jahr brauche ich, jetzt ist erstmal HARMFUL dran.
HoR: Zurück zum kommenden HARMFUL-Album: gibt es schon erste Reaktionen darauf?
Aren: Die Leute haben gedacht, dass wir den bei "Sis Masis eingeschlagenen Weg weiterführen, noch poppiger werden. Aber wo wären wir dann angelangt? In Richtung Madonna oder ähnliches? So sind die Leute eben, wenn sie ein Album mögen, erwarten sie zunächst, dass das nächste genauso klingt, deshalb waren einige auch zunächst enttäuscht. Aber wenn man das Album fünf- oder sechsmal hört, wird man erkennen, dass es viel mehr Tiefe hat. ein Songs wie Elaine zum Beispiel, der mittlere Teil davon ist selbst für mich, der ich es ständig höre und spiele, immer noch positiv beeindruckend und immer noch überraschend.
Billy: Wenn du heutzutage eine Band siehst, die einigermaßen erfolgreich ist, versuchen sie, diesen Erfolg beizubehalten. Wenn du andererseits ein Band siehst, die Veränderungen durchmacht, dabei wächst, ist dies sehr ungewöhnlich und auf der anderen Seite sehr beglückend, da du merkst, dass so etwas auch möglich ist.
Wenn niemand um dich herum wächst, kannst du auch nicht wachsen. Ich glaube, die Reaktionen zeigen, dass HARMFUL wächst, sie werden älter, reifer und, in einer sehr guten Art und Weise, mehr sie selbst. Und sie lernen dabei über sich selbst. Und so etwas brauchen wir überall, jeder von uns. Wir müssen mit unseren Bands wachsen, wir müssen selbst wachsen.
Aren: Viele Bands würden Art Of Rebellion immer und immer wieder aufwärmen, mehr und mehr davon, aber das wären nicht wir selbst. Wir kümmern uns nicht um Marketingstrategien, wir sind eine kleine Band und es funktioniert nur so, wie es eben läuft.
Billy: Es ist genau umgekehrt zu einem Marketingplan. Je mehr du dir selbst treu bleibst, desto besser wird es auch auf der anderen Seite ankommen. Das spannende ist auch, wenn du so vorgehst, dass irgend etwas passieren wird, und keiner weiß, was. Nach den Gesetzen der Industrie und des Business ist es genau der falsche Weg, aber du kannst hören und spüren, dass es der richtige Weg ist.
HoR: Es ist organisch gewachsen.
Billy: Ja, genau, organisch.
HoR: Als Produzent muss es für Dich doch auch unbefriedigend sein, wenn du Vorgaben bekommst, dass es wie dies oder das zu klingen hat.
Aren: Das ist übel, weil du dann in ein Schema gepresst wirst. Dabei will jeder Mensch doch frei sein, in dem was er tut, das ist die Natur des Menschen, erst dann kannst du richtig frei atmen. Das ist im Privaten genauso, wenn du eine Familie hast, zwei Kinder, fühlst du dich trotz alledem unfrei und damit unglücklich. Wenn du dann auf Tour gehst, ist das Unglücklichsein plötzlich wie weggeblasen, du beginnst wieder richtig zu atmen und zu leben, weil du dich frei fühlst. Das ist in der Musik selbst ebenso der Fall: dass du frei bist, zu machen was du fühlst machen zu müssen, und nicht das was die Plattenfirma von dir erwartet oder dich anweist zu tun.
Billy: So nach dem Motto: ich bezahle, also tue dies oder jenes.
Aren: Dann wird gesagt "mach diesen Chorus so und so, den Mittelteil auf diese Weise und wenn ihr Platten verkaufen wollt, muss das Wort 'Love' zweimal drin vorkommen". So funktioniert das einfach nicht. Du musst das Publikum für dich gewinnen, an dich heranziehen, nicht die Erwartungen des Publikums bestätigen wollen.
Billy: Diese Art zu denken ist unbewusst in jedem enthalten und es ist schwierig, dem zu entrinnen. Du kennst die Leute von der Plattenfirma, du siehst dich als Teil der Beziehungen zu diesen Leuten, wenn sie sagen: "es wäre besser, das Ganze so und so zu machen". Aber das ist nicht gesund, nicht förderlich. Du musst dich einfach selbst entdecken, da kann sich niemand sonst hineinversetzen. In der Musik musst du das so machen.
Aren: Genau das ist es auch, was Bill immer mit FAITH NO MORE gemacht hat. Sie haben so viele Alben aufgenommen, genau so viele wie HARMFUL (alle lachen), aber jedes Album klingt anders. Das ist auch der Grund, warum wir uns so gut verstehen und im Hinblick auf den Prozess der Veränderung, dass Veränderung immer gut ist.
Billy: Als wir das damals so gemacht haben, haben alle Leute gesagt "warum macht ihr das so? Ihr seid doch dumm!" Und im Nachhinein sieht man, dass alles richtig war. Die Leute respektieren unsere Arbeit auch nach zehn Jahren immer noch.
HoR: Wenn ihr die Chance hättet, jemanden auszusuchen mit dem ihr gerne touren wollt, wen würdet ihr nehmen?
Billy: Ich würde Heino auswählen (Gelächter). das wäre dann schon ein Grund, mehr zu trinken.
HoR: Noch ein abschließendes Statement für unsere Leser?
Billy: Aren ist ein guter Mann, ein treusorgender Ehemann (Gelächter), hat immer hart gearbeitet, wir werden ihn vermissen. (lacht).
Vielen Dank an dieser Stelle auch an Arne von Nois-O-lution, der das Interview ermöglicht hat.
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