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Sie sind nicht zu stoppen

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Unser Disclaimer

In letzter Zeit war in unserem regelmäßigen Wort zum Monat kaum etwas über Musik zu lesen, so viel ist passiert, das es uns wert war kurz aus dem täglichen CD-Wust aufzublicken. Chinesische Despoten, politische und wirtschaftliche Vollidioten, bei vielen Menschen um uns herum die pure Existenzangst.
Als Macher des Home of Rock sind wir zu alt und zu sehr im Leben stehend, als dass wir die Tagesschau ignorieren könnten. Das hat uns Kritik eingebracht, zum Beispiel ließen ehemalige Kollegen wissen, dass bei ihnen keinesfalls etwas über all den unmusikalischen Quatsch zu lesen sein wird. Das ist völlig in Ordnung, wer nicht will oder kann, soll einfach die neue CD von METALLICA toll finden und sich auf Weihnachten freuen. Es gab auch Kritik von noch ehemaligeren Kollegen (der Verfasser dieses Textes war in einem früheren Leben Banker), die gar das schlimme Wort "Verräter" benutzten. Auch das ist ok, denn wer nach dem größten Haufen verbrannten Geldes aller Zeiten immer noch auf dem hohen Ross sitzt und sich schützend vor seinen bis auf die Knochen blamierten Vorstand stellt, wird es nicht mehr verstehen. Natürlich kamen auch Zuschriften, die ernsthaften Stoff zu Diskussionen lieferten - und einige Leser schrieben einfach, "Danke, du sagst was ich denke" oder "… sehr gelacht".
Die bittere Wahrheit ist, dass es noch lange nicht vorbei ist mit den Schreckensmeldungen, vermutlich ahnen auch die intelligentesten Köpfe des Normalbürgertums noch nicht zur Gänze, was noch alles auf uns zukommen wird, welche Katastrophen uns in den nächsten Jahren wenigstens partiell den Hunger auf Stromgitarren und Party rauben werden. Die Kanzlerin spricht von einem schweren Jahr 2009, abgehobene Wirtschaftsanalysten beschwören die Rezession, Autobauer tanzen am Abgrund und spielen nicht mehr bei der Formel 1 mit, doch es ist alles nur Stückwerk, nur Teilwahrheit, alle geben nur genau das zu, was sowieso nicht mehr zu verheimlichen ist, ganz in der Tradition erwischter Doper im Sport. Deswegen wird es im Home of Rock unter der Adresse "Editorial" weiterhin Gedanken auch abseits der Unterhaltungsindustrie geben.

Nehmen wir uns zuerst einfach mal die Hanswursten im Anzug als Beispiel. Gut 1.500 Angestellte der BayernLB (früher Bayerische Landesbank Girozentrale) demonstrierten für ihren Vorstandsvorsitzenden Michael Kemmer. Dieser Typ ist an allererster Stelle dafür verantwortlich, dass die BayernLB vor die Wand gefahren wurde, er war von 2006 bis 2008 Finanzvorstand der Bank. Man sprach von ein paar Millionen Verlust, dann von ein paar hundert Millionen, später von einer Milliarde, zwei, vier, inzwischen sind es zehn plus benötigten Bürgschaften und Garantien über weitere 25 Milliarden, also insgesamt den gesamten bayrischen Staatshaushalt (siehe auch das Stichwort "Rettungsschirm"). Diese Niete wurde von seinen Lakaien gegen den Willen der Hauptanteilseigner Freistaat Bayern und Sparkassenverband in Amt und Würden gehalten - und verkündet vier Wochen später den Abbau von 25% aller Arbeitsplätze. Herzlichen Dank, Herr Kemmer, so stellt man sich die Arbeit eines Managers vor. Besonders schlimm ist, dass die Krawattentrottel darin offenbar gar keinen Dolchstoß sehen, sondern eher nach dem Sankt-Florian-Prinzip denken: Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, stelle einen andren aus. Wo sind die Betriebsräte, die Gewerkschaften, die Massenproteste? Erbärmliche Zwerge allesamt.
Das neue Ministerpräsidentchen Seehofer - aka "Der sich im Wind schneller dreht als ein Fähnchen" - hat sich übrigens beim Volk für die Misere entschuldigt. Natürlich hat er nicht vergessen zu betonen, dass die Fehler in der Vergangenheit liegen (also bei Stoiber & Konsorten) und er selbst absolut schuldlos an allem ist. Diesem Mann darf man sicher ungestraft Konformismus vorwerfen. Ob wohl eine Beleidigung wie "Schleimscheißer" auch straflos bliebe, würde sie denn ausgesprochen werden?

Die Automobilindustrie kämpft übrigens auch ums Überleben, schon gehört? Aber Hilfe naht, denn Obama will den amerikanischen Riesen die paar vielen benötigten Milliarden geben, was auch durchaus vernünftig ist, will er nicht in Kürze ein Land regieren, gegen das das Szenario in den "Mad Max" Filmen eine possierliche Heimatschnulze ist. Aber hoppla: er will das Geld zurück, wenn die Krise vorbei ist.
Man mag über Amerika und Obama denken was man will, der Kerl ist der erste, der Bedingungen an das Versagerpack stellt. Und genau daran wird sich entscheiden, ob die Hasardeure des Wahnsinnskapitalismus noch einen Funken Ehrgefühl in sich haben oder nicht. Gehen sie auf die Bedingungen Obamas ein, könnte die Blase noch einmal vor dem Platzen bewahrt werden, schiebt allerdings der ausgediente Kriegsverbrecher Bush als letzte Amtshandlung die Kohle einfach so über den Tisch, ist das Ende jeder halbwegs sozialen Demokratie endgültig besiegelt.
Für unsere Freunde in Schweden sieht es so oder so düster aus, Volvo und Saab, die den Bankrotteuren Ford und General Motors gehören, werden wohl dem Sparkurs zum Opfer fallen. Sind wir darüber betrübt? Oder über eine Schließung von Opel, wo eh nur noch 25.000 Menschen arbeiten? Nicht so wirklich, schließlich hat sogar die TSG 1899 Hoffenheim inzwischen bei jedem Heimspiel (in Mannheim) mehr Zuschauer. Man lernt: 27.000 Fußballfans - gerne auch auf Hartz IV - sind wichtiger als ein Unternehmen, das seit hundertzwölfunddreißig Jahren eine Region und zigtausende Familien ausbeutet und nebenbei ernährt. Das Engagement des Milliardärs Hopp beim expandierenden Kleinstverein Hoffenheim ist noch die schönste Seite an der Sache, der Mann hat zwar mit seiner Firma SAP eine Menge Leid über die Wirtschaft gebracht, aber er versucht jetzt wenigstens ansatzweise Gutes zu tun.
Apropos Gutes tun. Hat jemand seine Kontonummer vergessen? Ein Anruf in einem beliebigen Callcenter löst das Problem, die Jungs dort haben alles auf CDR. Gegen ein geringes Entgelt erfährt man sicher auch noch Wissenswertes über die Vermögensverhältnisse des Nachbarn. Sag noch einer, dass Callcenter keine tolle Einrichtung sind. Reflexartig rufen sofort irgendwelche politischen Hinterbänkler nach mehr Verbraucherschutz. Danke für den Vorschlag.

Wie gesagt, es ist noch lange nicht vorbei mit den Hiobsbotschaften, aber noch schlimmer ist, dass die Dilettanten nicht aufhören ihren Wahnwitz zu betreiben. In den USA werden bereits wieder neue Hedge-Fonds im Dutzend gegründet, die Topmanager der versunkenen Traditionsbank Lehmann Brothers haben sich Tage vor der Insolvenz angemessene Bonifikationen in dreistelliger Millionenhöhe genehmigt, werden selbstverständlich nicht für ihre kriminellen Umtriebe zur Rechenschaft gezogen und basteln längst an neuen Betrugsmodellen - und bei uns plärrt plötzlich ein Häuflein Populisten (leider aus dem linken Lager der SPD; was ist nur aus dieser Partei geworden) nach einem Konsumscheck. 500 Euro für alle außer… (nein, nicht Tiernahrung), damit die Wirtschaft angekurbelt wird. Vom komplettem Schwachsinn dieser Idee einmal abgesehen, schießen sich die Spinner um Frau Nahles auch noch ein Eigentor per Fallrückzieher, denn ausgerechnet die bedürftigsten unter den Bürgern, nämlich Hartz IV- und Sozialhilfeempfänger, sollen gemäß dem unüberlegten Humbug nur die Hälfte bekommen. Ein weiteres Musterbeispiel für den Realitätsverlust und die vollkommene Unfähigkeit dieser Berufssparte, jeder Achtklässler wird sich fragen, woher a.) das Geld kommen soll und b.) wie lange wohl der Kaufkraftschub anhalten wird - ca. 6 Wochen und die Finanzierung erfolgt am geschicktesten durch eine Anhebung der Mehrwertsteuer. Andererseits hat das Volk dann ein paar Mücken mehr für die Begleichung der absurd hohen Strom- und Gasrechnungen, die demnächst ins Haus flattern. Warum kaprizieren sich diese Möchtegernlinken nicht auf die unmoralische Abzockerei von RWE, Vattenfall, E.ON und Co.?
Und weil die Milliarden grade so schön sprudeln, kommt das Abziehbild einer Bildungsministerin, Annette Schavan, sogleich um die Ecke geschossen und will jeder Schule 100.000 Euro bzw. jeder Universität 500.000 für notwendige Modernisierungsmaßnahmen überweisen. Macht in Summe 4,6 Milliarden, ein Klacks also. Wie viele Lehrer könnte man wohl ausbilden und beschäftigen, würde man diese 100.000 nur den wirklich renovierungsbedürftigen Schulen geben und nicht unreflektiert jeder? Was hat diese Frau eigentlich in ihrer Baumschule gelernt?

Ja, Freunde, dieses Klagelied könnte man noch beliebig lange fortsetzen, aber es kommt ja bald ein neuer Monat, ein neues Jahr sogar, da werden wir die Serie "Schildbürgerstreiche, Pathologische Dummheiten und Wahnsinnigkeiten" problemlos und ohne große Produktionskosten fortsetzen können, denn falls uns nicht der Himmel auf den Kopf fällt, werden die gleichen Gespenster auch 2009 wieder "Kaspar Hauser im Wunderland" spielen. Am 27. Dezember feiern wir übrigens das "Hurra, vorbei Fest" und freuen uns ab sofort auf den Osterhasen.
In diesem Sinne: Allaaf, Hellau und mi leckst am Arsch.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.12.2008

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