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| Praise & Blame, Island Records/Universal Music, 2010 |
| Tom Jones |
Vocals |
| Ethan Johns |
Guitar, Banjo, Bass, Percussion, Background Vocals, Mellotron, Omnichord |
| B.J. Cole |
Steel Guitar |
| Booker T. Jones |
Piano, Hammond B3 |
| Benmont Tench |
Piano |
| Augie Meyers |
Farfisa Organ |
| Richard Causon |
Harmonium |
| Christopher Holland |
Organ |
| Dave Bronze, Ian Jennings |
Bass |
| Henry Spinetti, Jeremy Stacey |
Drums |
| Allison Pierce, Louis Price, David Rawlings, Camilla Staveley-Taylor, Emily Staveley-Taylor, Jessica Staveley-Taylor, Oren Waters, Gillian Welch, Terry Young |
Background Vocals |
| Produziert von: Ethan Johns |
Länge: 38 Min 12 Sek |
Medium: CD |
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| 1. What Good Am I? | 7. Don't Knock |
| 2. Lord Help | 8. Nobody's Fault But Mine |
| 3. Did Trouble Me | 9. Didn't It Rain |
| 4. Strange Things | 10. Ain't No Grave |
| 5. Burning Hell | 11. Run On |
| 6. If I Give My Soul | |
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Ach ja, wo wir gerade beim Lobet-den-Herrn sind und erst dieser Tage ein gewisser Glaubens- und Kulturpessimist in diesem Magazin die Wahrhaftigkeit des neuen Nina Hagen Albums "Personal Jesus" in Zweifel gestellt hat, bewirft uns direkt noch einer mit Gospel und Blues inklusive Textzeilen wie "I'm going down to the churchhouse" und gleich zwei Liedern, die auch die Hagen soeben gesungen hat (Run On und Nobody's Fault But Mine). Dieser jene Kirchgänger heißt Tom Jones. Klar, ausgerechnet Tom Jones, der alte (70) walisische Schmierlappen und Las-Vegas-Crooner mit der zugegebenermaßen unglaublich geilen Stimme. Logisch, dass ausgerechnet der jetzt einen auf heilig macht, irgendwann wird die Zeit schließlich für jeden Sünder knapp. Ablasshandel, Sir Thomas Jones?
Optisch hat sich der notorische Weiberheld auf jeden Fall deutlich verbessert. Der graue Bart steht ihm gut und verdeckt die Überreste diverser Bäckchenstraffungen und anderer Verblühungsverhinderungen. Stimmlich hat er sich ohnehin seit mehr als 40 Jahren immer ganz oben befunden, da braucht es kein Produzenten-Botox. Musikalisch waren seine letzten Versuche allerdings wahrlich keine Meisterwerke (und seine Vergangenheit ist sowieso zweifelhaft), von einzelnen Singles wie der Neuauflage von She's A Lady mit dem DJ Funkstar DeLuxe (2004) abgesehen. Vorbei schienen die Zeiten von Krachern wie Sexbomb, Burning Down The House (1999, mit THE CARDIGANS) oder If I Only Knew von '94. Beispielsweise das 2002er Album "Mr. Jones" war fürchterlich auf Dancefloor programmiert und verhunzte unter der Federführung von Wyclef Jean (THE FUGEES) Klassiker wie Black Betty und Bob Segers We've Got Tonight ganz grausam, da half auch keine Superstimme mehr.
Diesmal hat sich Ethan Johns als Produzent und Multiinstrumentalist versucht und sich mit ein bisschen Glück einen Grammy verdient, denn das "Praise & Blame" genannte Ergebnis der Arbeit mit dem "Tiger" ist nichts anderes als: großartig.
Ethan Johns, natürlich Sohn von Glyn Johns, der in den 60ern und 70ern mit allen Superstars gearbeitet hat, ist für Tom Jones der Rick Rubin oder Don Was, nur noch kompromissloser als die beiden für ihre Protagonisten Cash und Kristofferson agierten - Johns reduziert die Musik zwar ebenfalls auf das allernötigste, er lässt es aber auch so drastisch krachen, dass ein kommerzieller Erfolg auf den ersten Blick ausgeschlossen scheint. An dieser Stelle eine Prophezeiung: Im Laufe des August 2010 wird "Praise & Blame" in den Top 10 der deutschen Album-Charts auftauchen.
Ein besonderer Kunstgriff ist Johns und Jones mit der Platzierung von Dylans What Good Am I? gleich an der ersten Stelle des Albums gelungen. Als Dylan diesen Song 1989 auf seiner Platte "Oh Mercy" veröffentlichte, war es nur Teil eines weiteren Comebacks des Meisters nach einigen schwachen Jahren in den Achtzigern, für Tom Jones ist es weniger Comeback als Aufbruch in eine von allem Firlefanz befreite letzte Karrierephase. Dass er dabei unglaublich nahe an der Intensität und Intonation eines Mitch Ryder liegt, fällt zusätzlich positiv auf. Orgel, Trommeln, eine leise Gitarre und die begnadete Stimme, mehr braucht es nicht für einen Einstieg, der jeden Zweifel an einem etwaigen Scheitern von "Praise & Blame" zunichte macht.
Ein Kritikpunkt an Nina Hagens "Personal Jesus" war wörtlich: "Patsch-Schlagzeug, Hochdruckgitarre und wohlgesetzte Chorgesänge", die mitgelieferte Lösung hieß: "Jim Keltner, Billy Payne oder Sonny Landreth wären nicht in diese Falle getappt". Diese Koryphäen sind an "Praise & Blame" auch nicht beteiligt, dafür aber Brüder wie Booker T. Jones, Benmont Tench (der Partner von Tom Petty), Augie Meyers (ja, auch der war schon für Dylan tätig), Henry Spinetti am Schlagzeug, Ethan Johns überall und eine auserlesene Schar Chorsänger/innen. Ergebnis: keine Patsch-Drums, keine Klischees, Hochdruck wo nötig, Zurückhaltung wo möglich, just good music also. Und was für gute Musik. Springt mal vor zu Track #5, John Lee Hookers Burning Hell. Ethan und Tom zünden die verdammte Hölle an wie noch niemand zuvor mit diesem Teufelslied aus Hookers Frühzeit. Zu einer archaischen Basstrommel sägt Johns ein dermaßen fieses Gitarrenbrett, dass Jones gar nicht anders kann als zu - killen! Es stellen sich einem sämtliche Haare auf, wenn der gealterte Schönling mit dem Devil einen Deal macht und dazu das gemeinste Primitivriff seit Dan Bairds allerbesten Zeiten ertönt. Wer Bonamassas Fassung besser findet, ist ein Feinrippunterhosenträger.
Ähnlich deftig, nur etwas feingeistiger kommen Don't Knock von Pops Staples, Didn't It Rain (Johns/Jones), Jessie Mae Hemphills Lord Help und Run On, das im Gegensatz zu Hagens Versuch überhaupt nichts mit Elvis zu tun hat, sondern eher wie ZZ TOP auf Hookers Spuren kommt. Das ist bis auf die Knochen entblößter Rhythm & Blues, Bluesrock oder Rock & Roll, wie man ihn von Tom Jones noch nicht gehört hat. Die Ekstase zum Ende von Lord Help ist nicht aufgesetzt, sondern das Resultat einer hochkonzentrierten Bandleistung, wobei die Orgel die Glanzpunkte setzt, und die Chorsängerinnen bei Don't Knock sind natürlich nicht die STAPLES SINGERS, gleichwohl messerscharf arrangiert.
Die ruhigeren und besinnlicheren Momente stehen der Abteilung Power nicht nach, scheinen zum Teil sogar noch intensiver zu wirken als die Fetzer, auch wenn man Nobody's Fault But Mine natürlich schon ein wenig zu oft gehört hat. Doch spätestens jetzt kann man den direkten Vergleich zu Frau Hagen ziehen, und es wird klar wo die (musikalische) Aufrichtigkeit zuhause ist. Tom Jones enttarnt Nina Hagen als Zirkuspferd, als affektierte Schamanin und (von Kulturkritikern) überbewertete Sängerin. Ohne Kasperletheater und stimmliche Lautmalerei versucht Jones nichts und niemanden in Grund und Boden zu singen, er hebt sich und die Songs einfach auf eine neue Stufe - und singt damit alles und jeden in Grund und Boden.
Nebenbei sind ihm und Ethan Johns noch ein paar ganz außergewöhnlich feine Kompositionen gelungen. So dürfte Ain't No Grave ohne Umweg Einzug ins 'Great American Songbook der Neuzeit' finden. Dort befindet sich Billy Joe Shavers If I Give My Soul spätestens seit Cashs posthumen Monolithen "Unearthed". Jones geht äußerst respektvoll damit um.
Vermutlich kann man Tom Jones im Jahr 2010 nicht mehr jedem Rockfan schmackhaft machen, zu wenig tat der Waliser in der Vergangenheit für diese Klientel, aber wer sich traut (oder alt genug ist) und die oben genannten Namen kennt und mag, wird mit diesem Beinahe-Gospel-Album sein persönliches Erweckungserlebnis haben.
Ablass erteilt, Sinner Thomas Jones!
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