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Dancing Backward In High Heels

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Dancing Backward In High Heels
Dancing Backward In High Heels, Blast Records/The Global Music Group, 2011
David Johansen Vocals, Harmonica
Sylvain Sylvain Guitars, Farfisa, Organ, Vocals
Frank Infante Guitar, Slide Guitar, Bass
Jason Hill Bass, Acoustic Guitar, Piano, String Arrangements, Background Vocals
Brian Delaney Drums, Percussion
Gäste:
Nubiya Brandon, Stephanie Clift, Mara Hennessey & Tess Hirst Background Vocals
Hannah Duff & Hannah Want Viola, Violin
Matthew Kibble Cello
Alex Leathard Trombone
Alastair Lord Trumpet
Adam Sinclair Percussion
Jamie Toms Saxophone
Jimmy Vivino Horn Arrangements
Produziert von: Jason Hill Länge: 37 Min 11 Sek (CD) & ca. 54 Min (DVD) Medium: CD & DVD
CD:
1. Streetcake7. Round And Round She Goes
2. Talk To Me Baby8. You Don't Have To Cry
3. Fabulous Rant9. I Sold My Heart To The Junkman
4. I'm So Fabulous10. Baby Tell Me What You're On
5. Fool For You Baby11. Funky But Chic
6. Kids Like You12. End Of The Summer
DVD:
The MovieHey Bo Diddley (Live Audio Track)
Cause I Sez So (Live Audio Track)Pills (Live Audio Track)
Funky But Chic (Live Audio Track)

Vor gut 35 Jahren waren die NEW YORK DOLLS eine der letzten Bands im Rock & Roll, die noch Angst und Schrecken verbreiten konnte. Klar, Barbapapa und Barbamama fürchteten immer noch die Unholde aus den Sixties und warnten eindringlichst vor Drogen aller Art ("die enden alle wie der Neger, dieser Hendrix, und die versoffene Brülläffin Tschoplin"), aber als längst infizierter Jungrocker hatte man eine ganz andere Sichtweise: Musik musste laut, wild, gefährlich und vor allem nicht wie die im Radio und Fernsehen vorherrschende Idiotenmusik sein. Die männlichen Püppchen aus New York kamen dem Rollenklischee des gemeinen, fiesen, abstrusen Rock'n'Rollers in der Mitte der 1970er-Jahre sehr nahe, allerdings existierten sie hierzulande medial so gut wie nicht. Live sowieso nicht und in den Zeitschriften eher als skurrile Drogenfreaks, die sie zweifellos auch waren, denn als zukünftige Kultband. Es war das damalige "Sounds"-Magazin, das dem zweiten Album der Band 1974 "Mülleimer-Rock" bescheinigte. Immerhin feierte ein Jahr zuvor die großartige Musikjournalisten Teja Schwaner das Debut noch als perfekte Partyscheibe, aber zu mehr als einem gewissen Undergroundstatus hat es für die DOLLS bei uns - und auch in Amerika - nicht gereicht.
Natürlich waren die unfassbar tuntigen Auftritte und die derbe Heroinabhängigkeit so gut wie aller Bandmitglieder nicht unbedingt förderlich für eine kontinuierliche Karriere im zum Megabusiness gewordenen Musikgeschäft der Siebziger, aber die meisten anderen "Hipster" waren auch auf Droge und Vögel wie Bowie schafften mit all dem androgynen Kram mühelos den Schritt zum Superstar, die NEW YORK DOLLS hingegen blieben immer die Schmuddelkinder.
Ein halbes Menschenleben später erscheint das umso mehr absurd, denn wenigstens ein großes Vorbild der New Yorker war zu jener Zeit ein ebenso großes Wrack (und zudem älter), Keith Richards nämlich.
Die ROLLING STONES waren natürlich Pate für die Musik der NEW YORK DOLLS, allerdings hatten sich die etablierten und steinreichen Engländer vom Rowdysound ihrer R&B-Jahre längst verabschiedet, als die knapp über zwanzigjährigen Nachwuchsrocker ihre Transenshow abzogen und noch einen Tick krasser klangen als (fast) alles zuvor in diesem Metier. 1977 war nach diversen Umbesetzungen und nur zwei Studio-LPs Schluss für die NEW YORK DOLLS, vier Sechstel der wichtigen historischen Besetzungen gingen im Laufe der Jahre den Weg aller Rockmusiker, die sich die Betty Ford Klinik nicht leisten konnten, zurück blieben nur Sänger David Johansen und Gitarrist Sylvain Sylvain, die mit wechselnden Musikern seit 2004 wieder zusammen unter dem alten Namen auftreten und Platten einspielen.

Vielleicht fällt auf, dass bisher der mit den DOLLS am meisten assoziierte Name nicht gefallen ist. Der Grund ist einfach. Johnny Thunders war sicher ein nicht ganz unwichtiger Songwriter in den knapp 20 Jahren seines heute noch hörbaren Schaffens, aber er startete 1975 eine Solokarriere, die mit den jetzt zu besprechenden NEW YORK DOLLS nichts mehr zu tun hatte. Natürlich, Thunders wurde im Laufe der Jahre immer mehr zur Ikone stilisiert, er wurde zum Punk-Pionier ausgerufen, speziell nach seinem Tod 1991 war er endgültig "unsterblich" (entsprechend ranken sich um sein Ableben die handelsüblichen Gerüchte von Drogenmafia bis Mord), vergessen wird allerdings gerne, dass Johnny Thunders bei den DOLLS beileibe nicht der alleinige Vordenker war, dass er musikalisch über viele Jahre überhaupt nichts auf die Reihe bekam, weil er ein hoffnungsloser Junkie war und sich mit drittklassigen Demo-Veröffentlichungen und fünftklassigen Chaostourneen über Wasser hielt. Seine beiden Referenzwerke "L.A.M.F." mit den HEARTBREAKERS (1977) und "So Alone" von 1978 mit einer ganzen Horde desperater Rockstars wie Phil Lynott und Steve Marriott waren und sind bis heute interessant und sollten archiviert sein (Daddy Rollin' Stone ist die hörbare Kollaboration dreier kaputter Typen im Rock'n'Roll-, Alkohol- und Drogenrausch), kulturhistorisch wichtig sind sie nicht. Punk hätte sich ohne Thunders ganz genauso entwickelt, jammerlappigen Heartland-Rock gab es woanders handwerklich besser, New-York-Wave hatte gesündere, attraktivere, härtere und kommerziell besser vermarktbare Protagonisten, Glam war Ende der Siebziger durch, übrig bleibt nur eine weitere tragische Figur des Rock & Roll, die am Ende tatsächlich auf die "Gnade" der Zusammenarbeit mit den TOTEN HOSEN angewiesen war - und diese nur knapp zwei Tage überlebte (wofür die Düsseldorfer beileibe nichts können). Und nein, auch für die SEX PISTOLS war Thunders kein nennenswerter Einfluss, die Schnittstelle ergab sich nur über die gemeinsame Bekanntschaft mit Malcolm McLaren.
Johnny Thunders hat den Wahnsinn nicht überlebt, er steuerte zielsicher über viele Jahre auf seinen Untergang zu, vielleicht war es ihm auch einfach egal, ob er noch einen weiteren Tag erleben konnte. Deswegen ist er bei den NEW YORK DOLLS des Jahres 2011 auch nur eine Fußnote.

Die Frage, ob die NEW YORK DOLLS des Jahres 2011 auch nur eine Fußnote sind, ist wesentlich wichtiger. Wie gesagt, David Johansen und Sylvain Sylvain (Rhythm Guitar & Keyboards) sind noch dabei. Dazu seit kurzem der von BLONDIE bekannte Gitarrist Frank Infante, der Schlagzeuger Brian Delaney (seit 2005) sowie Bassist und Produzent Jason Hill von LOUIS XIV, der 2009 aufgelösten und reichlich überschätzten Indie-Band aus San Diego. Ist das eine gute Mischung, macht es überhaupt noch Sinn?
Der CD ist eine gut gemachte Making-of-DVD beigelegt, und die ist ausnahmsweise wirklich wichtig zum Verständnis der Musik. Optisch bekommt man naturgemäß eine angejahrte Band geboten, bei der David Johansen mit einer deutlich zu jugendlichen Haarpracht und seinem immer noch jaggeresken Körper (zu großer Kopf auf zu schmächtigem Schultern) natürlich den Vogel abschießt. Die anderen erscheinen altersgerecht mit Bäuchlein (Sylvain) und Falten (Infante). Von der schon immer bestehenden Affinität zu Mick Jagger ist Johansen nur die Äußerlichkeit geblieben, stimmlich klingt er inzwischen wie er gelebt hat, also weit weg von all dem Glamour der STONES. Johansens Problem ist, dass er heute, mit 60, weder Jaggers Welterfolg noch den bestens inszenierten Altersphilosophenstatus eines Lou Reed erreichen kann, auch an den längst heilig gesprochenen Allesüberleber Iggy Pop reicht seine Popularität nicht heran, der Puppenspieler muss sich mit einem Restleben in der vierten Reihe begnügen. Auf der DVD sagt Sylvain Sylvain, der in Amerika aufgewachsene ägyptische Jude, einen bemerkenswerten Satz: "Wir müssen das [eine neue CD] nicht machen, wir könnten gut als Retro-Band mit Konzerten überleben, aber wir WOLLEN neue Songs schreiben und performen." Das ist ein K.O.-Argument, niemand kann sich dieser Haltung verweigern, außer er ist selbst hoffnungslos in der Vergangenheit versteinert. Also lassen wir endlich das neue Album "Dancing Backward In High Heels" zu seinem Recht kommen.

In gewisser Weise ist "Dancing Backward…" ein introspektives Werk geworden, Johansen und Sylvain beschäftigten sich beim Songwriting offensichtlich mehr mit dem Sein als mit dem bei den DOLLS früher vorherrschenden Schein. Dies bewirkt eine gewisse Nachdenklichkeit, Melancholie und nicht zuletzt auch mehr ruhige Töne als man sie von dieser Band eigentlich erwartet. Das vorhergehende Album "Cause I Sez So" aus dem Jahr 2009 hatte noch deutlich mehr Vollgasanteile, war zwar durchaus unterhaltsam, hinterließ allerdings auch einen leicht bitteren Geschmack von Zwangsjugendlichkeit. "Dancing Backward In High Heels" ist dagegen sozusagen ein dem Alter angepasstes Elaborat - und hinterlässt einen leicht bitteren Geschmack von Vergänglichkeit.
Gleich der Einstieg Streetcake kommt mit einer so heftigen Sixties-Affinität, dass es den Jubelvers auf Mitch Ryder und die DETROIT WHEELS gar nicht bräuchte, um die Stoßrichtung der CD zu erklären. Surf-Chöre, Garagenbeat und hemmungsloses Schwelgen in der Vergangenheit bestimmen die ersten Songs. Erst mit I'm So Fabulous wird erstmals richtig Fahrt aufgenommen, allerdings schippern und scheppern die Gitarren mitsamt dem großartigen Saxophon von Jamie Toms, einem Jazzmusiker aus Newcastle (wo auch die CD aufgenommen wurde), nach wie vor in musikalischen Gewässern, die eher an den Fliegenden Holländer denn an moderne Rockmusik erinnern - ein Geisterschiff auf der unendlichen Suche nach einem Hafen. Selbstverständlich sind Doo-Wop-Chöre wie bei I Sold My Heart To The Junkman originell und prima gemacht, aber man fragt sich, an wen derlei Phil-Spector-Gedächtnisproduktionen gehen sollen; junge Menschen können nicht gemeint sein.
Das Highlight der CD ist Funky But Chic - allerdings ist der Song 33 Jahre alt und knackte auf Johansens Solo-Debut noch eine ganze Kante schärfer als bei dieser Neuverwertung.

"Dancing Backward In High Heels" ist ohne Zweifel ein respektables neues Album einer respektablen alten Band. Zugute halten muss man den Veteranen, dass sie immer noch tun was sie tun, ohne Anbiederung an einen Zeitgeist oder gar auf der Suche nach einem Hit. Der über die Jahrzehnte gewachsene Status einer Semi-Legende wird ebenfalls nicht angekratzt, nur stellt sich die ernsthafte Frage, ob es mehr als 32 Menschen gibt, die sich dafür interessieren. Schön wäre es ja.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.02.2011

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