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Epitaph

Krautrock Legends Vol. 1

Live At Rockpalast
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Krautrock Legends Vol. 1 - Live At Rockpalast
Krautrock Legends Vol. 1 - Live At Rockpalast, M.i.G.-Music, 2011 (1985)
Cliff Jackson Guitar, Vocals
Bernd Kolbe Bass, Vocals (1977 & 2004)
Klaus Walz Guitar (1977)
Fritz Randow Drums (1977 & 1979)
Heinz Glass Guitar, Backing Vocals (1979 & 2004)
Michael Karch Keyboards (1979)
Harvey Janssen Bass (1979)
Achim Poret Drums, Percussion, Backing Vocals (2004)
Produziert von: WDR Länge: ca. 228 Min Medium: Do-DVD
DVD 1:
WDR Studio-L, Cologne, 2nd February 1977WDR Studio-L, Cologne, 3rd September 1979
1. She's Burning1. Tonight
2. Woman2. When I Lose Your Love
3. Tequila Shuffle3. Return To Reality
4. Crossroads4. Strangers
5. Outside The Law5. On The Road
6. Fresh Air6. Hold On
7. Who Do You Love7. Mick's Boogie
8. Going To Chicago8. Spread Your Wings
9. Stop, Look And Listen9. Going To Chicago
DVD 2:
Harmonie, Bonn, 22nd December 2004
1. She's Burning9. Tonight
2. Woman10. When I Lose Your Love
3. Tequila ShuffleBeat-Club 1972:
4. CrossroadsEarly Morning
5. Outside The LawLittle Maggie
6. Fresh AirBonus:
7. Fresh AirInterview

EPITAPH unter dem Banner "Krautrock Legends" zu veröffentlichen scheint zumindest fragwürdig, ein simples "Live At Rockpalast" hätte in diesem Fall gereicht, und wäre korrekter. So verschwommen der Begriff "Krautrock" ohnehin ist, da werden KRAAN neben KRAFTWERK, JANE, NEU! und zig anderen genannt, so unzutreffend ist er für EPITAPH. EPITAPH hatte einen englischen Sänger, die Songs waren samt und sonders englisch gesungen und außerdem war die Musik von Anfang an progressiv-bluesiger Hard Rock und hatte mit Schwurbelzeug à la AMON DÜÜL genau nichts zu tun. Je länger die wechselnden Herren um Sänger/Gitarrist Cliff Jackson in den 70ern und 80ern aktiv waren, um so mehr ging es hin zum massenkompatiblen Hard Rock, gerne für die Bikerszene dargebracht und über einige Jahre sogar mit kleinem Erfolg in Amerika. Tatsächlich fragte vor einigen Monaten ein des Deutschen mächtiger Leser aus Chicago an, ob es denn noch diese prima Heavy-Band mit den Double-Lead-Guitars aus Germany gäbe, die er 1974 oder so in einem Club gesehen hatte. Ja, es gibt sie noch. Was uns aber nicht von der hier zu besprechenden Live-Doppel-DVD mit Aufnahmen aus den Jahren 1977, '79 und 2004 abhalten soll.

Deutsche Bands waren im Rockpalast der frühen Jahre nicht üblich, EPITAPH wurden gleich zweimal ins legendäre Kölner Studio-L geladen, was bis heute eine nette Anekdote in der an Anekdoten reichen Geschichte des Rockpalasts ist.
Wer Aufnahmen von beispielsweise Pat Travers, Ted Nugent oder dem jungen Tom Petty aus dem Studio-L kennt, weiß, dass es dort niemals zu einer wilden Live-Szenerie mit Interaktion zwischen Bands und Publikum kommen konnte, denn die wenigen Zuschauer saßen reichlich weit von der Bühne entfernt auf einer kleinen Tribüne und dazwischen agierte die Fernsehtechnik mit Kameraleuten, Kabelträgern und sonstigen Aufnahmefachkräften. Andererseits kamen so ganz großartige Konzertmitschnitte zustande, wie man sie von der Kameraführung her bis dahin kaum kannte. Bei Rüchels Rockpalästen kam überdies die konsequent ruhige und punktgenaue Bildregie hinzu, die alles Wichtige im richtigen Moment zeigte und niemals mit wilden Schnitten für Schwindelgefühle sorgte. Genau so wurde die Dynamik guter Konzerte am besten eingefangen, leider haben das die heutigen Regisseure vergessen. Das Konzert von EPITAPH am 2. Februar 1977 hatte mächtig Dynamik - und die bekommt man hier über 65 Minuten ganz vorzüglich vorgeführt.

In der Besetzung Jackson, Klaus Walz (Guitar), Bernd Kolbe (Bass) und dem frisch eingewechselten Schlagzeuger Fritz Randow trat eine Anfangs sichtlich nervöse Band auf die Bühne, die dann auch gleich im eher unglücklich gewählten Opener She's Burning ein paar Wackler produzierte. Allerdings kann man sich davon leicht durch die brillante Beleuchtung und die auch 34 Jahre später immer noch leuchtenden Farben ablenken lassen. Ab der zweiten Nummer hatte Cliff Jackson die Sache in der Hand und von da an rockte eine gestandene, wenngleich schon seinerzeit leicht antiquiert klingende Band mit vielen zweistimmigen Gitarrensoli, Verve und geilen Klamotten vor einem herrlichen Backdrop.
Warum antiquiert? 1977 hatte sich längst eine modernere Spielart des Hard Rock etabliert, EPITAPH klang mit dem immer noch deutlich in den frühen Siebzigern verwurzelten Sound im internationalen Vergleich nicht modern - für den deutschen Markt war die Band trotzdem beinahe einzigartig, es gab höchstens eine handvoll vergleichbare Acts, wobei keine andere Band harten Rock mit Blues, Psychedelic, Jam und frischen Funk-Parts so verknüpfen konnte (man höre die interessante Version Who Do You Love). Cliff Jackson war ein Groovemaster, der in Verbindung mit Bernd Kolbe am Bass gewaltige Abfahrten inszenieren konnte und lange Twin-Soli mit seinen jeweiligen Gitarrenkollegen zelebrierte.
Der rock'n'rollige Höhepunkt war 1977 der deftige Boogie Going To Chicago, er war es auch zwei Jahre später, und blieb es bis 2004 bzw. heute. Kolbe profilierte sich '77 bei Going To Chicago als veritabler Sänger und vor allem archetypischer Rock'n'Roll-Frontmann. Wer übrigens beim Schlusssong Stop, Look And Listen zwischen den ganz bezaubernden Gitarrenflügen BLACK SABBATH und ein paar andere Zitate zu hören meint, darf seinen Ohren ruhig trauen.
Laut dem Rockpalast Archiv gab es mit One Eyed Joe noch eine Zugabe, die vom WDR offenbar nicht aufgezeichnet wurde. Macht aber nichts, das Konzert ist trotzdem stark und ein kleines Stück Musik- und Rockpalastgeschichte.

1979 kam die Band runderneuert und mit gänzlich anderer Songzusammenstellung wieder nach Köln. Außer Jackson und Randow, der sein Schlagzeug gewaltig vergrößert hatte, waren alle Mitglieder neu. Am wichtigsten war sicherlich die Hinzunahme des Keyboarders Michael Karch, aber auch Heinz Glass (Gitarre) und Harvey Janssen (Bass) setzten neue Akzente. Schlecht war die umformierte Band keineswegs, aber irgendwie scheint im direkten Vergleich mit dem ersten Auftritt ein wenig die Leichtigkeit der Bühnenpräsentation verloren gegangen zu sein. Womöglich ist das aber eine rein subjektive Wahrnehmung, vielleicht liegt es an der etwas schwächeren Bildqualität oder an der Songzusammenstellung, die beinahe zur Hälfte Nummern des 78er-Albums "Return To Reality" beinhaltete. Außerdem litt der inzwischen alleine singende Jackson unter einer Kehlkopfentzündung und klang nicht immer lupenrein. Dennoch, im zweiten Teil der knapp einstündigen Aufzeichnung (auch hier fehlt wieder eine Zugabe, diesmal ist es Roll Over Beethoven) ließ die Band die Kuh von der Leine und groovte sich mehr als passabel ein. Zwar blieben ein paar funky Bestandteile in der neuen Besetzung auf der Strecke, dafür hörte man mit dem neuen Spread Your Wings beinahe modernen Hard Rock amerikanischer Prägung, der von den schweren Hammond-Linien klassischer Hensley-Art perfekt konterkariert wurde. Beim unvermeidlichen Boogie Going To Chicago konnte man sowieso nichts falsch machen, also ist auch dieses zweite Konzert auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

In den folgenden Jahren lief es für EPITAPH nicht besonders gut, die Studio-LPs "See You In Alaska" und "Danger Man" waren von einer gewissen Orientierungslosigkeit gezeichnet und das famose Livealbum "Live" erreichte 1981 nicht das eigentlich reichlich vorhandene Zielpublikum. Irgendwann Mitte der 80er war dann Schluss, die einzelnen Mitglieder tauchten in Bands wie JANE oder DOMAIN von Zeit zu Zeit wieder auf, aber EPITAPH war eigentlich Geschichte. Bis 2001, als Jackson wieder Bock auf die alte Band hatte und es vereinzelte Comeback-Konzerte gab. Doch erst Ende 2004 gab es richtig Rückenwind, als nämlich der von Rüchel an Peter Sommer übergebene Rockpalast ein "Krautrock Meeting" veranstaltete und EPITAPH neben GURU GURU, KARTHAGO, JANE, BIRTH CONTROL und AMON DÜÜL II in den Bonner Club Harmonie geladen wurden.
Bernd Kolbe war wieder dabei, Heinz Glass ebenso, am Schlagzeug saß Achim Poret, der bereits irgendwann nach dem Gründungsmitglied James McGillivray für EPITAPH trommelte (jedoch keinesfalls durchgehend von 1970 bis 1973, wie auf der Homepage vermerkt ist).
In dieser Besetzung existiert die Band bis heute und die natürlich sichtbar älter gewordenen Herren scheinen damit recht zufrieden zu sein, immerhin erschien mit "Dancing With Ghosts" 2009 sogar ein starkes neues Album, nachdem "Remember The Daze" zwei Jahre vorher eine mediokre Angelegenheit war. Krautrock ist EPITAPH natürlich immer noch nicht, aber durch das Milchglas der Jahrzehnte gesehen ist das jetzt auch schon egal.
Jacksons Gesang ist etwas, nun ja, zurückhaltender geworden, aber die zweistimmigen Soli mit Glass sind immer noch weltklasse und Kolbe hat den Funk zurück gebracht. Nur über das Achim Porets Outfit ist zu reden, denn bis oben zugeknöpfte dunkelblaue Hemden zur dezent gestreiften Stoffhose sind wenigstens seit 45 Jahren strengstens verboten - und nein, Eric Clapton geht als Alibi nicht durch, der wird von den Schnösel-Labels kostenfrei beliefert. So wird das nix mehr mit der Karriere als aufstrebender Rockstar, Herr Poret, also mal schnell ein paar Tattoos eingravieren lassen und künftig ohne Oberbekleidung auftreten;-)
Spaß ohne, EPITAPH ist seit sieben Jahren mit vollster Berechtigung zurück und trotz einiger Verschnaufpausen auf der Bühne knackt es immer noch zünftig. Es gibt wahrlich unnötigere Retro-Bands im dritten Jahrtausend als EPITAPH. Und kaum welche, die einen Tequila Shuffle im Programm haben, nach dem man selbst als Abstinenzler Lust auf Schnaps mit Salz und Zitrone hat. Aber wer ist schon abstinent…
Zu Going To Chicago kam 2004 Klaus Walz auf die Bühne und es gab einen netten Boogie-Jam mit drei Gitarren mitsamt Give Peace A Chance-Verabschiedung.

Als besondere Zugabe dieser wertigen Doppel-DVD gibt es zwei 1972 für den "Beat-Club" aufgenomme Songs. Early Morning und Little Maggie waren die B-Seite des Debut-Albums "Epitaph" und tauchten bisher meines Wissens nach in keiner der ansonsten andauernd gesendeten Wiederholungen des "Beat-Club" auf. Noch ein historisches Kleinod, dessen zeitgemäß bizarre Optik im gut geschriebenen Covertext nett erklärt wird. Der unnachahmlich bekiffte Gesichtsausdruck von Klaus Walz ist dazu unbezahlbar. Sogar das kleine Interview am Ende der zweiten DVD ist lehrreich, wo Bernie Kolbe herrlich schnodderig zusammen mit dem distinguierten Werner Nadolny von JANE unter anderem erklärt, dass EPITAPH nie Krautrock war und warum Rock & Roll unsterblich ist - weil die Musik zeitlos ist und die Fans ein Leben lang loyal sind. So ist das, und mehr kann man insgesamt auf keinen Fall erwarten.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.06.2011

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