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Mojo
Mojo, Reprise Records, 2010
Tom Petty Vocals & Guitar
Mike Campbell Lead Guitar
Benmont Tench Piano & Organ
Ron Blair Bass
Scott Thurston Harmonica & Guitar
Steve Ferrone Drums & Percussion
Produziert von: Tom Petty, Mike Campbell & Ryan Ulyate Länge: 64 Min 58 Sek Medium: CD
1. Jefferson Jericho Blues9. Takin' My Time
2. First Flash Of Freedom10. Let Yourself Go
3. Running Man's Bible11. Don't Pull Me Over
4. The Trip To Pirate's Cove12. Lover's Touch
5. Candy13. High In The Morning
6. No Reason To Cry14. Something Good Coming
7. I Should Have Known It15. Good Enough
8. U.S. 41

Als Tom Petty vor gut zwei Jahren mit Mike Campbell und Benmont Tench die erste CD von MUDCRUTCH veröffentlichte, war dies 35 Jahre zu spät, denn von der ursprünglichen Attitüde der 1970 gegründeten Rockband aus Gainesville, Florida war aus geriatrischen Gründen nicht mehr besonders viel übrig. Letztlich manifestierte Petty mit "Mudcrutch" nur seinen über die Jahrzehnte erworbenen Ruf als Grandseigneur des Erwachsenen-Rock, die in manchen alten Videos zu erahnende Wildheit der jungen Rock'n'Roll-Band aus dem Süden war - trotz aller beteuerten Spontaneität bei der Aufnahme des Albums - einer eher an die TRAVELING WILBURYS erinnernden Betulichkeit gewichen (das hitzige Bootleg Flyer war die große Ausnahme). Nichtsdestotrotz war "Mudcrutch" ein schönes Album. Ein in der Quintessenz deutlich frischeres als "Highway Companion" von 2006 und eines, das den vorläufig letzten Versuch mit den HEARTBREAKERS ("The Last DJ", 2002) zu Recht ins Reich des Vergessens schickte.
Können die HEARTBREAKERS mit ihrem neuen Album "Mojo" mehr Feuer entfachen als vor acht Jahren?

In erster Linie ist Petty eines gelungen: "Mojo" klingt mehr nach MUDCRUTCH als es die HEARTBREAKERS jemals zuvor taten. Gleich zum Einstieg gibt es mit Jefferson Jericho Blues einen so massiv nach Sumpf riechenden Harmonica-Guitar-Shuffle, dass man sich verwundert die Augen reibt. Ist das der Petty, der so viele Jahre den BYRDS hinterher jammerte? Und was bekommt man in den knapp sieben Minuten von First Flash Of Freedom serviert? Es ist eine huldvolle Verneigung vor Elizabeth Reed. Sozusagen das erste echte In Memory Of Elizabeth Reed seit dem Jahrtausendwerk "Idlewild South" der ALLMAN BROTHERS BAND.
Nicht nur bei First Flash… schwingt sich Mike Campbell immer wieder zusammen mit entweder Petty oder Scott Thurston zu ganz erstaunlichen Höhenflügen auf.
Jeder weiß, dass die HEARTBREAKERS über all die Jahre und in allen Inkarnationen eine Qualitätsband waren, aber diesmal zeigen sie es endlich wieder so offensiv wie zuletzt vielleicht auf "Hard Promises", und das ist beinahe 30 Jahre her. Dazu kommt ein sensationeller Sound, der glücklicherweise Lichtjahre von Jeff Lynnes Radiosoße entfernt ist. "Mojo" ist warm, dicht, üppig, im besten Sinne analog und zu großen Teilen live aufgenommen. Bei allem Respekt vor Indie- und Billigproduktionen, "Mojo" ist der Beweis, dass Geld eben doch Tore schießt, sorry, eben doch gut klingt.

Selbstverständlich ist auch diese CD nicht frei von langweiligen Songs, statt der aufgebotenen 15 hätten es 10 oder 12 auch getan, aber das verzeiht man Petty gerne, erstens ist er inzwischen auch schon 60 Jahre alt und zweitens ist wenigstens eine handvoll Nummern mit Klassikerpotential vertreten. Wann ist dem Mann derlei zuletzt gelungen?
Vieles geht nahezu nahtlos ineinander über, variiert anfangs manchmal nur unmerklich, entwickelt sich dann aber fast immer zu einem ganz eigenen und meistens spannenden Werk. Selbst ein traditioneller Blues wie Takin' My Time quält sich nicht durch ausgelatschte Pfade, sondern gibt dem alten Sound neue Würde und einen Haufen deftigen Rock. Schön auch, dass Petty bei diesen Stücken nicht mit dem erhobenen Oberlehrerfinger Kammermusik propagiert, sondern mit dem ihm eigenen Humor und musikalischen Feingefühl lebendige Musik macht. Mit ein bisschen mehr Verve in der Stimme hätte das auch beim Reggae Don't Pull Me Over funktioniert, leider ist nur eine leicht winselige Crossover-Version mit allerdings grandioser Gitarre herausgekommen.
Immer wieder staunt man über Mike Campbell und fragt sich: Wieso hat der Kerl all das nicht früher raus gelassen? So viel Sleaze und punktgenau gesetzte Hard-Rock-Soli wie bei I Should Have Known It gab es noch nie von ihm. Davon abgesehen stampft das Ding beinahe schon wie LED ZEPPELIN. Vielleicht ist es nicht mal vermessen zu sagen, dass Tom Petty die deutlich bessere THEM CROOKED VULTURES-Platte gemacht hat. Auf jeden Fall hat er die Leichtigkeit trotz aller Rockermentalität nicht verloren. Candy und etliche andere Songs vermitteln den puren Spaß am rock'n'rolligen Jam wie kaum jemals zuvor. Ganz Euphorische könnten sagen, dass "Mojo" Pettys persönliches "Exile On Main St." ist. Ob MUDCRUTCH vor 38 Jahren zu so einer Meisterleistung fähig gewesen wären? Nein. "Mojo" ist also 'nur' ein formidables Alterswerk mit Perspektive auf mehr.

Diese CD ist ohne jeden Zweifel ein Highlight in Tom Pettys Schaffen. "Mojo" ist anders, frischer und "momentiger" als sämtliche alten Scheiben. Die Abkehr vom durchkonzipierten Standardwerk hin zur Session-Aufnahme würde bei einer gehypten Newcomerband zu Jubelstürmen der Industrie führen, bei Petty sind sich die Verantwortlichen wohl noch nicht ganz sicher, ob der "Kurswechsel" ankommt. Er tut es. Aber so was von.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.06.2010


 
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