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Blood Red Tape

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Blood Red Tape
Blood Red Tape, Eigenvertrieb, 2009
Kenton Thomas Vocals, Guitar
Ross Brooks Guitar
Kevin Hoskin Bass
Bill George Drums
Produziert von: Kenton Thomas Länge: 73 Min 59 Sek Medium: CD
1. Call To Arms II: Jebel Moon6. The Simple Things
2. Splitzkrein (Radio Edit)7. Enemy
3. Your Kettle8. We Kuffar
4. The Kingdom9. Back In The Day
5. Six Degrees10. The Light

Liest man die Marketingzettel, kommt einen das Staunen angesichts der versammelten Sprachgewalt an: da ist von einer Fusion von Hard Rock, zeitgenössischen elektronischen Elementen und einer Vielzahl von orchestralen und ethnischen Instrumenten die Rede, von progressiver rhythmischer Komplexität, und davon, dass die CD eine wahres sonisches und psychosomatisches Erlebnis ist. Uff, sagt man da, und freut sich, dass man keine psychosomatischen Probleme angesichts solcher Genialität bekommt. Dick aufgetragen, fürwahr. Aber selbst schuld - wer liest denn auch Marketingzettel, es sei denn, die Band hat gar kein Label und folglich einiges davon selbst verfasst.

Was ist denn nun wahr, oder davon bei mir angekommen. Warte, ich höre gerade THE ANSWERs "Rise", da muss ich jetzt mal raus, rein ins PORTAL und - ja, man kommt nicht umhin, den Unterschied zu bemerken. Hie spontane, emotionale, rockige und laute Musik, dort der Zweitling einer Vierercombo aus Edmonton, Kanada, der dort schon hoch gelobt wird. Intellektuelle Texte, gezirkelte, hochstrukturierte, repetitive und genau ausgerechnete Modern Rock Riffs und Riffings, häufiger Einsatz von allerlei Perkussionsinstrumenten und sonstigen fremdartig klingenden Töneerzeugern - Kunstwerke.
Man hat eine Message - daher das Singer/Songwriter im Titel. Die Message befasst sich mit dem "Red Tape", das mit Bürokratie und der Behinderung des Fortschritts einerseits assoziiert wird, und dem 'Blood' andererseits, das oft vergossen wird, wenn das "Red Tape" eben genau das tut - den Fortschritt zu behindern. Auf einer anderen Ebene soll der Begriff 'Red Tape' an die Grenzen in uns selbst, und daran, wie das Tier in uns uns aus Furcht vor dem Unbekannten ebenfalls am Fortschritt hindert. Nochmal 'Uff'. Leute, ich komme mir vor wie ein Abiturient beim Besinnungsaufsatz.
Damit aber nicht genug. Während Band-Mastermind Kenton Thomas darauf verweist, dass es außerhalb der USA und Kanada ja in Europa und Lateinamerika eine große Zuhörerschaft gibt, an die man sich wenden müsse, schreibt er derartig komplizierte Texte, dass ich die Waffen strecke bei der Übersetzung. Und ich weiß, dass die Mehrzahl von 'Information' nicht 'Informations' heißt und komme gemeinhin ganz gut im Englischen zurecht.

Und als reiche das nicht, sind die Texte jeweils bis auf wenige Ausnahmen sehr lang. Nicht schlimm, eigentlich, aber bei merke ich eine Spontanerkrankung am Bob-Dylan-Syndrom - oder wie neulich erwähnt, die harmlosere Form heißt Roger-Chapman-Erschöpfung - die sich in einem Völlegefühl äußert: das ist mir einfach zu viel, denn die restlichen Instrumente unterlegen diese Long-Singalong Geschichte wie schon erwähnt mit einem derart repetitiven Geschehen, das selbst einen Jimmy Page erblassen ließe. Hier hätte dem Texter die bekannte Würze gereicht werden müssen, denn ich erlaube mir die Bemerkung, dass die Texte, soweit ich das sehe, teilweise doch etwas sehr langatmig sind - ob sie stellenweise redundant sind, muss man für sich selbst nach dem Studium dieser entscheiden.
Kentons Stimme - er bezeichnet sich selbst als Bariton, wir würden wohl sagen: er ist kein Shouter - gibt dem Ganzen dann zusätzlich einen eher hellen, nicht sehr variationsreichen, über Strecken etwas bemüht klingenden Gesang dazu. Das hat dann zweierlei Effekt: große Eindringlichkeit einerseits, aber eben auch den heftigen Wunsch nach Abwechslung. Die gibt es dann auch, oft eben mit Perkussionsinstrumenten oder Electronics unterlegt und nicht mit einer Lead Gitarre oder 'organischen' Keyboards, und du sehnst dich geradezu nach dieser Abwechslung. Das nennt man dann wohl Spannung aufbauen!
Anders also etwa als bei HEART OF CYGNUS, die ja wahre Riffschlachten durchführen, ist hier Wiederholung angesagt, und die kleine Variation zu hören erfordert große Aufmerksamkeit.

Vor Jahren habe ich mir mal die Jungs von ALABAMA THUNDERPUSSY gegeben ("Constellation") - ebenfalls ein Model Marke 'Das Riff ist das Riff und wehe ich höre eine Sologitarre'. Und da die Jungs gemeinhin unter Stoner Rock rangieren, nenne ich das hier Stoner Prog. Ich habe das Kenton Thomas gesagt, und der Begriff schien ihm zu gefallen, zumindest sah er den feinsinnigen Humor… Allerdings sind die Riffs hier 'etwas' elaborierter.
Aber wie auch immer - es gibt jede Menge zu hören und zu entdecken. Da ist der 10-Minüter The Kettle, der auf der Wii zum Titeltrack eines Spiels wird (Ironie: Jebel Moon beschäftigt sich kritisch mit eben diesem Genre) und mit einem eher klassischrockig anmutenden Riff unterlegt ist, wobei man genau hinhören muss, um die gegenläufigen Riffs rechts/links mitzubekommen, die dem ganzen eine leichte Shuffle-Anmutung geben. Tolle, im Gegentakt spielende Drums gibt es auch.
Der zweite 10-Minüter The Kingdom bietet ein langes Percussion-Intermezzo im Mittelteil, Six Degrees ist ein schöne Ballade, die genau auf Kentons 'Bariton' zugeschnitten ist, zum Mitsummen. Back In The Day ist semi-akustisch und bietet Erholung von den massiven Riffs andernorts; fast schon Southern Rock. The Light ist auf weite Strecken nur mit Drums und Bass unterlegt und hat trotz dem Titel etwas enorm Finsteres. Splitzkrein (split screen) hat ein ebenfalls eher klassisches Rockriff als Basis, und ist somit auch eher zugänglich.

Ja, wie sag ich's jetzt meinem Kinde? Also mal so: das ist gut, vielschichtig, clever, vielleicht einen Tuck zu clever. Man muss schon eine gehörige Lust am Rätselraten mitbringen, wenn man die Texte entschlüsseln will, und eine gute Beziehung zum Englischlehrer.
Musikalisch ist das hier eine Hausnummer ganz oben - da, wo die gestylten Jugendstilvillen stehen, nicht da, wo es Bier am Kiosk gibt in dieser Strasse. So kalkuliert und durchstrukturiert, dass selbst den Jungs von RUSH wahrscheinlich noch angst und bange wird, obwohl die als Role Model nahe liegen.
Und wie sagt eine unbeteiligte Person, als sie die Mucke so im Vorbeigehen hörte: "Das klingt ja so wie, die… na, diese finsteren Jungs da… RAMMSTEIN". Und damit ist auch wirklich alles gesagt, und ich frage mich, ob diese Person lieber meinen Job hier machen soll?
Anhören tut jedenfalls Not.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 14.07.2009

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