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Gator Country

Live

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Live
Live, GWP Records, 2008
Jimmy Farrar Vocals
Steve Holland Guitar
Paul Chapman Guitar
Linni Disse Guitar
Riff West Bass
Bruce Crump Drums
Duane Roland Guitar (Oh, Atlanta)
Produziert von: Gator Country & Michael Stewart Länge: 63 Min 50 Sek Medium: CD
1. Bounty Hunter8. Beatin' The Odds
2. It's All Over Now9. One Man's Pleasure
3. Gator Country10. Flirtin' With Disaster
4. Whiskey Man11. Long Tall Sally
5. Intro to Dreams12. Boogie No More
6. Dreams I'll Never See13. Oh, Atlanta
7. Bloody Reunion

Alles was wir in den letzten Jahren über die verkommenen, vergreisten und kaputt gekoksten ehemaligen Superstars des Southern Rock geschrieben haben - und zwar mit biestiger Abscheu angesichts all der Selbstdemontagen - stimmt nach wie vor. Alles was wir über die bestenfalls drittklassigen Nachrücker der letzten Jahre gehöhnt haben stimmt ebenfalls - die wenigen guten Bands konnten sich leider nicht durchsetzen und verschwanden wieder. Und dann kommt nach dreijährigem Anlauf nun endlich (wirklich endlich?) das Debut der Allstar-Band GATOR COUNTRY.
Man hatte es ersehnt und gleichzeitig gefürchtet, stehen doch mit Jimmy Farrar, Steve Holland und Bruce Crump gleich drei frühere MOLLY HATCHET-Helden auf dem Zettel, dazu Riff West (ab 1983 bei HATCHET und später bei FOGHAT) und, Surprise!, Paul Chapman, den man von UFO kennt. Das sind Namen aus der Ahnengalerie des Rock & Roll und gleichzeitig samt und sonders Kandidaten für ein grandioses Scheitern wegen "Kreativer Dysfunktion" und Gelenksteifigkeit.

Der reichlich infantil geratene Alligator auf dem Coverbild macht nicht unbedingt Mut, die Setlist (11 Klassiker aus den besten Zeiten HATCHETs) ebenfalls nicht, das wacklige Intro-Solo zu Bounty Hunter schon gar nicht. Doch dann gerät die Sache aus den Fugen, es ist wieder 1980, die Drei-Gitarren-Hölle öffnet die Pforten, dem Fan fließt das Wasser aus allen Poren und den Augen - und er schreit vor Geilheit auf diese Musik, die er so lange vermisst hat und die für alle Zeiten die größte aller Musiken bleiben wird.

Es sind überraschend viele Leute vor der Bühne zu hören, Jimmy Farrar sagt nicht umsonst "I like this crowd", der Sound entspricht nicht höchsten Ansprüchen, einige Einsätze kommen nicht punktgenau, Farrar hat anfangs ein Brüll-Problem, aber spätestens ab dem berühmten Pfiff in der Mitte von Bounty Hunter ist die Sache gebongt. GATOR COUNTRY bringen exakt die wahnwitzigen Soli und Riff-Orgien der alten Band. Und zwar in einer Leichtigkeit, die Bobby Ingram mit seiner Coverband in diesem Leben vermutlich nicht mehr erreichen wird (als Sologitarrist steht er gegen drei Äxte eh auf verlorenem Posten; selber schuld).
Der wirklich nicht mehr jugendlich wirkende Sänger zeigt sogar auf Konserve ein Charisma, dessen Fehlen ihm seinerzeit vorgeworfen und zum Verhängnis wurde. Grandiose Vorstellung, Mr. Farrar!
Welchen Anteil Steve Holland an der Gitarrenarbeit hat, lässt sich nicht feststellen (eine DVD wäre hilfreich), Fakt ist, dass die Gitarrenfront felsenfest steht und dazu noch swingt als gäbe es keinen nächsten Tag. Gator Country hat man seit Ewigkeiten nicht so beseelt gehört und It's All Over Now ist ein Boogie-Gewitter wie aus den ganz tiefen Jugenderinnerungen, die Double-Leads in Whiskey Man waren auch damals nicht giftiger und Bruce Crump trommelt wie um sein Leben, derweil Riff West die Chose wie ein Zeremonienmeister zusammenhält. Wuaaaaah!

Ein ganz großes Kompliment muss man der Band und Jimmy Farrar für die gänzlich unpeinliche Einleitung zu Dreams (I'll Never See) machen. Keine genreüblichen Schmalzereien, kein Totenkult, nur eine kurze und angebrachte Verbeugung vor Danny Joe Brown, Duane Roland und natürlich den ALLMAN BROTHERS, dann der Song. Tja, und da scheitern auch GATOR COUNTRY an der Messlatte LIZARD. So schön die dreistimmigen Gitarren zwischenzeitlich auch kommen, die Brillanz der deutschen Dreams wird keine Band mehr erreichen. Trotzdem eine feine Version der alten Herren aus Florida.
Dicke Backen dann wieder bei Bloody Reunion. Da knallt eine mächtige Maschine aus den Boxen, drei Gitarren und ein Riff am Bass, dazu Crump mit grandiosem Groove und Farrar als Ansager. Herrliche Abwechslung an den insgesamt 18 Saiten, what a bloody reunion. Scheiße, warum haben diese Typen damals nicht genau so weitergemacht wie sie heute wieder rocken?
Welcher Fan kann den Text von Beatin' The Odds nicht auswendig? Das Ding geht sprichwörtlich ab wie "we couldn't find a finish line". Herrgott, diese Männer können doch noch alles, warum sind sie nur in den letzten Jahrzehnten so erbärmlich abgesoffen?

Pass auf, Rocker, stell dir mal was vor: Drei Gitarristen, die zum Einstieg eines Liedes unisono mit ihren Plektra (schaut blöd aus, ist aber der Plural von Plektrum) ganz langsam und genüsslich den Gitarrenhals hinauffahren. Wie klingt das? Genau, es klingt nach massiver Erektion, weswegen die Nummer auch One Man's Pleasure heißt. Eine speziell gut gespielte Slide, vermutlich vom Rookie Linni Disse, bereitet zusätzlich Lust und dann kommt Flirtin' With Disaster. Kinder, es ist wirklich wie damals, als die teuren Bootlegs aus den ganz großen Stadien kamen. MOLLY HATCHET sind die großartigste Southern-Boogie-Band aller Zeiten, "have some fun tonight", und man fragt sich, ob GATOR COUNTRY wirklich Kraft und Mut haben, das Tempo dieser Live-CD für die nächsten Jahre weiterzugehen. Ein Konzert im Circus Krone zu München wäre wohl manchen Rockers letzter Wunsch.
Nach dem Brachial-Rock'n'Roll Long Tall Sally kommt übergangslos das Farewell: Boogie No More! Nie mehr Boogie? Viel mehr braucht man wirklich nicht mehr, nachdem Bruce Crump die Nummer zuerst genial einbremst und dann eine großartige Gitarrenschlacht losbricht. Es ist ja so gewaltig, wenn Farrar schreit : "I wanna give it to you one more time", und dann die finalen Mördersoli kommen. Danke und gute Nacht.

Einen letzten Herzensbrecher gönnen uns GATOR COUNTRY doch noch. Die geradezu aberwitzige Studioaufnahme von BAD COMPANYs Oh, Atlanta nämlich. Darauf ist auch noch Duane Roland zu hören und man geht auf die Knie vor Ehrfurcht.
Wenn diese Band es schaffen sollte neue Songs zu schreiben, auf Europatournee zu gehen und nicht wieder in Superstarwahn zu verfallen: Southern Boogie is the next big thing!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.07.2008

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