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Angus Khan

Black Leather Soul

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Black Leather Soul
Black Leather Soul, Nickel And Dime Records, 2010
Derek "Dirty D" Christensen Lead Vocals, Harmonica
Frank "Sgt. Rock" Meyer Guitars, Backing Vocals, Synth
"Screaming Lord" Bruce Duff Guitars, Backing Vocals, Organ
Dino Everett Bass, Backing Vocals
Andy Baker Drums, Percussion
Produziert von: Messiaz Länge: 46 Min 57 Sek Medium: CD
1. Midnight Moses7. On The Run
2. Call Me Motherfucker8. Hot Pants
3. Big Balls9. Black Leather Soul
4. Mr. Living Dead10. Bop City
5. Scene Bitch11. Chainsaw Betty
6. Silver And Green12. Exile On Mean Street

In einem nicht näher zu benennenden Onlinemagazin bezeichnet ein "Musikkritiker" den Song Midnight Moses als "richtig dreckigen Rock mit uralten 70er Jahre Vibes", allerdings, oooh, "leider nur in sehr langsamen Bahnen." Der Clou kommt noch: "Frische Ideen findet man nicht und der Text ist auch eher … recht simpel gestrickt." Ja, so schaut das aus, meine Damen und Herren.
Es tut weh, wenn Kinder und Jugendliche zu Straftätern werden, weil man seit 20 Jahren sehenden Auges in ein von der Politik mehr oder weniger absichtlich herbeigezüchtetes soziales Desaster rennt. Es tut aber auch weh, wenn über Musik schreibende Menschen nicht wissen, dass das Lied Midnight Moses von Alex Harvey stammt und ganz zurecht 70er-Vibes, die grässlich uralten, ausstrahlt. Alex Harvey hat dieses Lied nämlich, man glaubt es kaum, im Jahr 1972 mit der SENSATIONAL ALEX HARVEY BAND auf dem Album "Framed" erstmals veröffentlicht.
Genau an solchen Stümpereien krankt die Onlineberichterstattung, von Journalismus darf man leider ohnehin nicht sprechen, das Delta zwischen Mitteilungsbedürfnis und Sachverstand ist längst unüberbrückbar groß geworden und so mancher Leser wendet sich mit Grausen ab und liest lieber gar nichts mehr als solche Fehlleistungen.
Aber zurück zu Midnight Moses. Der Song wurde nicht besonders oft gecovert, an Alex Harvey trauen sich grundsätzlich nicht viele heran, zu außergewöhnlich (in jeder Beziehung) war der Schotte, zu markant seine Stimme. Die Hollywood-Poser BRITNY FOX haben es auf ihrem Schwanengesang "Bite Down Hard" 1991 versucht und sind naturgemäß ziemlich, aber nicht blamabel gescheitert (vom grausigen Drumming abgesehen), ansonsten sind mir - Achtung, mangelndes Fachwissen! - nur mehr oder weniger gelungene Live-Versionen diverser Bands bekannt.
Nun kommt da wieder eine kleine Band aus Los Angeles mit dem fragwürdigen Namen ANGUS KHAN und versucht sich an dem Klassiker.

Auf dem Mitte 2009 erschienenen Debutalbum "Black Leather Soul" ist von Soul selbstredend nicht die Rede, der Fünfer hat es mehr mit dem Leder und so gut wie allen gängigen Biker-Klischees, auf einem Video bei MySpace ist Gitarrist Frank Meyer gar unfassbar dämlich dreinglotzend mit einem Stahlhelm auf dem Schädel zu sehen. Andererseits ist das Innencover mit karikierten Filmplakaten zu jedem Musiker ein kleines Schmankerl ("Filmed in Schlockovision"!) und man mag den nicht mehr jugendlichen Herren darob nicht eine gewisse Grundintelligenz absprechen. Warum sich auf "Black Leather Soul" dann aber leider doch drei, vier oder sogar fünf ziemlich unsinnige Lieder finden bleibt unklar. Bands wie ANGUS KHAN stehen nicht unter Erfolgsdruck und können sich beliebig viel Zeit für Songwriting und Aufnahme nehmen, da müssen 08/15-Prollrocker nicht unbedingt sein. Apropos Prollrocker. Es gibt da durchaus Ähnlichkeiten mit Artverwandten wie den unkaputtbaren AMERICAN DOG oder deren Vorbilder THE GODZ um den lebenslangen Asozialen Eric Moore, allerdings erreicht "Black Leather Soul" in seinen schwächeren Momenten selbst die primitivsten Klopfer von AMERICAN DOG und THE GODZ nicht.
Vermutlich ist es Zufall und/oder Geistesverwandtschaft, dass es in Ohio einst eine Band mit Namen BLACK LEATHER TOUCH gab, die irgendwann in den frühen Achtzigern Eric Moores Begleitband wurde (unser Freund Steve Schuffert hatte kurze Zeit später bei Eric Moore ebenfalls mal seine flinken Gitarristenfinger drin).

Die Band ANGUS KHAN hat es (noch) nicht geschafft, so glorios selbstverarschende Nummern wie AMERICAN DOGs Motherfucker (vom 2009er Album "Mean") zu verfassen, dem hauseigenen Call Me Motherfucker fehlt schlicht das Fingerschnippen und das finale "… and an asshole too" für einen Lacherfolg. Big Balls gehört trotz großem Namen ebenfalls eher in die Kategorie "Nette Versuche", viel mehr als ein angeberischer Chor und ein paar Versatzstücke passiert nicht, aber mit Mr. Living Dead geht es erstmals verlockend in die (Stoner-) Ecke der GODZ, und das mit einfachen Mitteln aufgebaute Silver And Green hat ganz ähnliche Effekte wie weiland Candy's Going Bad vom ersten GODZ-Album.
Volle Punktzahl für die Scene Bitch, die sich maximal schlampig durch den Rock'n'Roll-Dschungel prügelt, Abzüge für das arg rumpelige On The Run, die punkigen Hot Pants und die zugehörige Chainsaw Betty sowie den all zu arg bemühten Titelsong, Lob hingegen für das flockig-coole Bop City, auch wenn man derlei durchaus schon öfter gehört hat und mal wieder die U.S. of A. besungen werden. Exile On Mean Street ist zwar anfangs sehr rasant, kann aber ab der Hälfte mit Percussion und vorzüglichen Gitarren überzeugen.

Es wäre unterm Strich eine mediokre CD, wenn da nicht dieses Lied Midnight Moses wäre. Man erinnert sich vielleicht (s. o.), es ist ein Song von Alex Harvey selig, mit einem von modernen Kritikern nicht geliebten Text. Tatsächlich wird das schöne Wort "Hey" im Refrain nur zweiunddreißigmal verwendet, da sagt unsere Kanzlerin deutlich öfter "äh", das aber ohne jeden Rhythmus.
Um es kurz zu machen: ANGUS KAHN hat für die Coverversion von Midnight Moses den "Best Copycat Award" gewonnen. Und zwar ohne jede Häme, denn eine bessere Fassung von Midnight Moses gibt es nicht. Die Typen aus L.A. und speziell Sänger Derek Christensen machen mit ihrer Interpretation ein ganz großes Fass auf und stehen damit in der Pflicht adäquat nachzulegen. Bei der nächsten CD bitte etwas bedachter und ohne Lückenfüller, dann könnte mehr als ein lokaler Act draus werden.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 17.01.2010

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