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Tom Coerver

Waterfront View

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Waterfront View
Waterfront View, Eigenvertrieb, 2005
Tom Coerver Vocals & all instruments
Gäste:
Tom Barrow Drums (Whatever It Takes & One Hundred Pounds Of Trouble)
Bill Doran Acoustic Bass (Sittin' On Top Of The World)
Floyd Saizon Shaker (Spanish Town), Drums (What Do You Think & Give It Some Time)
Matt Doran Hammond C3 Organ (Keepin' The Faith)
John Smart Hammond C3 Organ (What Do You Think & Strapped To My Back)
Esther Coerver Vocals (Don't Let It Bring You Down)
Bruce, Mike & Phil Collar Harmony Vocals (Chicago Medley)
Produziert von: Tom Coerver Länge: 73 Min 25 Sek Medium: CD
1. Down South Mama10. What Do You Think
2. Hear That Train11. Strapped To My Back
3. Whatever It Takes12. One Hundred Pound Of Trouble
4. Sittin' On Top Of The World13. Can't Stay Away From You
5. Spanish Town14. Don't Let It Bring You Down
6. Decisions15. Can't Feel A Thing
7. So Much For That16. Chicago Medley: Sing A Mean Tune/A Hit By Varése
8. Keeping The Faith17. Give It Some Time
9. Parade Of Lost Souls

Slidende Gitarrensümpfe schwappen über das Land. Mit versteinerten Gesichtern hämmern Mangrovenbäume wilde Riffs durch die Everglades. Alligatoren trommeln den Blues mit ihren mächtigen Alligatorenschwänzen. Ein Flamingo schraubt seinen Hals in die Luft und ruft nach seiner Down South Mama.
Warum stehen Flamingos eigentlich immer auf einem Bein? Ist man ein Baum wenn Mann groovt? Haben Alligatorenweibchen Alligatorenschwänze? Warum klingen Gitarrensümpfe nicht sumpf-dumpf?
Fragen, die nur jemand vom Planet Louisiana beantworten kann, falls er auch schon einmal unter dem China Sky geschlafen hat.

Mr. Coerver, warum heißt Ihr neues Album "Waterfront View", warum sind darauf 17 Songs, warum spielen Sie fast alle Instrumente selbst, warum klingt Ihre Gitarre so verdammt gut, warum singen Sie so grandios und warum, zum Henker, nehmen Sie sich nicht endlich ein paar passende Musiker und fliegen nach Europa und spielen hier in den Clubs, bis die Waterfront in unseren Augen steht?

Tom Coerver aus Baton Rouge ist ein to the bone musician, hat in den Achtzigern zusammen mit Bobby Ingram, der heute Vorsteher von MOLLY HATCHET ist, die Band CHINA SKY betrieben, besitzt ein eigenes Studio, ist Multiinstrumentalist, profunder Musikkenner und hat einen wundervollen Humor. Dem Kollegen Joachim D. ist er 2003 mit seiner ersten Solo-CD "Backwater Tales" aufgefallen und wir haben uns in Tom und seine Musik verliebt (wahre Liebe etc. gibt es nur unter Männern, frag nach bei Patrick Lindner). Sein gerade fertig gewordener Zweitling "Waterfront View" ist aus dem selben Holz wie das Debut geschnitzt, hat nicht zufällig optische Ähnlichkeit und ist noch einen Zacken besser als "Backwater Tales".

Tom Coerver unterwirft sich keiner Limitierung, er macht "nur" was er will und kann und wird damit in konservativen Kreisen vermutlich nicht ausschließlich Begeisterungsstürme auslösen. Ein klein wenig Toleranz braucht der Musikfreund bei "Waterfront View" auf jeden Fall, denn die Aussicht zeigt nicht eindimensional auf "stumpfen" Rootsrock. Was ist Rootsrock überhaupt? Southern Rock? Blues und Rock? Classic Rock? Oder gilt nur Neil Young und seine Nachfahren? Ist es erlaubt, den einen oder anderen jazzigen Ton einzubauen? Darf Tom Coerver Fingerübungen a la Steve Morse in seine Musik integrieren?
Neil Young-Fans können beruhigt sein, von dem covert Tom Coerver das klassisch schöne Don't Let It Bring You Down. Dass sein Gitarrenspiel natürlich mit dem von Young nicht vergleichbar ist - sprich ohne falsche Töne - sei nur am Rande erwähnt.

Was muß passieren, damit ein relativ ereignisloser Blues heutzutage den Zuhörer fesselt? Die Emotion muß echt sein! Die dramatische Erkenntnis Can't Feel A Thing erreicht nur über den Blues sein Publikum, wäre ansonsten nicht vermittelbar. Außerdem nennt Coerver das Fernsehen "idiot box". Recht so.
Auch seinen Johnny Winter hat er gelernt. Allerdings geht Tom deutlich weiter in seiner Expression als Winter es sich jemals getraut hat. Kein Festhalten an althergebrachten Schemata, kein kritikloses Adaptieren alter Soli, vielmehr eine freundliche Übernahme genialer Sounds und Transkription für das Jahr 2005. Nachzuhören beispielsweise bei den beiden letzten Songs Chicago Medley und Give It Some Time oder dem Blues-Shuffle Can't Stay Away From You.
Natürlich rockt es auch zur rechten Zeit einfach geradeaus und erfrischend, ohne den ganz großen Anspruch vor sich her zu tragen. Absolut geschmackssicher sind jedoch auch die simpelsten Rocker mit beispielsweise einer Hammondorgel verfeinert. Erfreulich daran ist, daß nie eine Überfrachtung stattfindet - was bei One-Man-Soloprojekten oft der Fall ist - sondern jedes Beiwerk neben der Basisinstrumentierung Gitarre, Bass, Schlagzeug, Stimme ausschließlich songdienlich eingesetzt ist und nie zur Egobefriedigung verkommt. Was für ein hervorragender Techniker Coerver ist, hört man ohnehin jederzeit.

17 Songs, beinahe 75 Minuten Spieldauer, da kann es nicht ausbleiben, daß dem Konsumenten zwischendurch ein Song nicht uneingeschränkt zusagt. Entgegen landläufiger Erfahrung ist "Waterfront View" jedoch vollkommen frei von Lückenfüllern oder künstlicher Lebensverlängerung. Das gesamte Werk ist Ausdruck der enormen Kreativität eines Musikers, der seine Ideen ausgearbeitet und aufgenommen hat. In glänzendem Sound überdies.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 05.04.2005

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