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| Kallocain, InsideOut Music/SPV, 2004 |
| Ricard Huxflux Nettermalm |
Drums, Percussion, Programming, Keyboards, Vocals |
| Stefan Dimle |
Electric & Upright Bass |
| Johan Wallen |
Keyboards |
| Peter Nylander |
Guitars |
| Petronella Nettermalm |
Lead Vocals, Cello |
| Anders Bergman |
Violine |
| Produziert von: Paatos |
Länge: 50 Min 16 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Gasoline (5:55) | 6. Reality (7:38) |
| 2. Holding On (5:01) | 7. Stream (5:18) |
| 3. Happiness (5:20) | 8. Won't Be Coming Back (5:33) |
| 4. Absinth Minded (4:50) | 9. In Time (6:35) |
| 5. Look At Us (5:26) | |
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Man könnte meinen, es wäre eine völlig neue Ausrichtung im progressiven Musikgenre im Vormarsch. Die Musikindustrie hat sich die Stilbezeichnung "Melancholic Post Rock" dafür ausgeklügelt. Eine gewisse Traurigkeit und besinnliche Grundstimmung ist das Markenzeichen.
Besonders im hohen Norden, so erscheint es, existiert hierfür der beste Nährboden. Zu wenige Sonnenmonate lassen zwangsläufig biochemische Körperprozesse ablaufen, die einfach mehr tagträumerische bzw. schwermütige Emotionen zur Folge haben.
Das in Stockholm beheimatete Quintett PAATOS bewegt sich mit seiner musikalischen Ausdrucksweise genau auf diesem Pfad. Wobei sie aber auch den improvisationsgeladenen Rock der Siebziger durchaus mit einfließen lassen.
Als die schwedischen Ur-Progger LANDBERK und ÄGG im Februar 1993 bei einem Klubauftritt aufeinander trafen, verstanden sie sich so gut, dass ein reger Kontakt daraus fruchtete. Zunächst begleiteten Gitarrist Reiner Fiske und Bassist Stefan Dimle von MORTE MACABRE LANDBERK, Schlagzeuger Ricard Huxflux Nettermalm und Keyboarder Johan Wallen von ÄGG, PRO-SEED, die Folksängerin Turid Lundquist.
Huxflux spielte nebenbei bei der Synthieband COVENANT, arbeitete mit den Drum'n Bass-Acts BAXTER und YOGA bzw. beteiligte sich an diversen Hardcore HipHop Sachen und zwei CLAWFINGER-Alben. Außerdem spielte er Drums auf John Norum's (EUROPE) Solo-Album und wirkte bei dem New Yorker Artrock-Kollektiv STARLET und bei MORTECULATOR an Johan Wallen's Seite mit. Und er veredelte als Drumtechniker das RAMMSTEIN-Album "Mutter".
(Alles klar soweit? Red., verwirrt)
Nach dem letzten Auftritt von TURID im August 2000 bleiben die Freunde zusammen bzw. beschließen, als Instrumentalband weiterzuarbeiten. Sie begeben sich nun auf die Suche nach einer geeigneten Sängerin und haben zwischenzeitlich zwei TV-Konzertauftritte in dieser Bandkonstellation.
Sie fanden die geeignete Sängerin in der Ehefrau von Ricard. Petronella Nettermalm, die auch Cello spielt und auf Chorerfahrungen verweisen konnte. Ihre musikalischen Vorbilder sind u.a. Emmylou Harris, Björk, David Bowie, Nick Drake und David Shostakovich.
Nach dieser PAATOS Geburt entstanden die ersten selbstkomponierten Songs, darunter das von Turid geschriebene Tea, gewidmet dem kleinen Töchterchen von Petronella und Ricard (Anm.: Der einzige schwedische Text, auch zu finden auf dem 1. Album).
Im Frühjahr 2001 erscheint die erste 7'' Vinylsingle "Tea/Perception", die live in Göran Freeses Analog Studios aufgenommen wurde.
Während der Rehearsals zum ersten Album, Ende 2001, bekommt die Band den Eilauftrag zu dem Stummfilmklassiker "Nosferatu" die Filmmusik zu komponieren. In der zweimonatigen Frist erfüllten sie ihre Aufgabe mit Bravour und überzeugten das Publikum bei der ersten Liveaufführung am 2. November 2001 mit einer stark improvisierten Filmmusik.
Anfang 2002 kommt endlich das sehr Jazzrock-lastige Debüt "Timeloss" auf den Markt. Begleitet wurden sie dabei von Klassik-Gastmusikern.
Das Ergebnis fand bei der Fachwelt und den einschlägigen Magazinen Anerkennung aber nicht den nötigen Support.
Reiner Fiske verlässt die Band und findet im Multitalent Peter Nylander einen würdigen Nachfolger. Dieser kann auf ein Studium am Berklee College, Boston verweisen und verdiente seine ersten musikalischen Sporen bei der New Yorker HipHop Gruppe RED TIME. Er tingelte einige Zeit durch die USA und Italien, bevor er 1996 in Stockholm eine neue Heimat fand. Dort arbeitete Peter freiberuflich als Profimusiker. Seine Kooperation mit der schwedischen und US-Jazz Elite ist beispiellos. Er musizierte mit dem Jazzbassisten Matthew Garrison, Saxophonist David Wilczewski oder dem Pianisten Steve Hamilton und der Jazzsängerin Jeanette Lindström, mit einem Album-Endprodukt 2002.
Sein persönliches Steckenpferd ist das Peter Nylander Quartet, wo er mit illustren schwedischen Jazzern eigene Ambitionen ausleben kann. Ein Album ist derzeit in Arbeit.
Nylander liebt es, sein Instrument als Improvisations- und Kommunikationsmittel zu benützen.
Nach ausgiebigem Songwriting und Studioarbeit liegt nun der neueste Studio-Longplayer vor. Der Nachfolger wurde etwas geplanter und strukturierter realisiert als das Debüt. Man gewinnt den Eindruck, die Songs sind maßgeschneidert bzw. wurden sehr sorgfältig und auf emotionale Weise herausgemeißelt.
"Kallocain" beruht auf einer Science-Fiction Erzählung der schwedischen Autorin Karin Boye (1900-1944), in der sie eine utopische Gesellschaft irgendwo zwischen Orwell und Huxley entwirft.
Die Sängerin mit dem fantasievollen Namen Petronella ist zweifelsohne die tragende Akteurin bei PAATOS. Ihre träumerische Stimme, die durchaus Vergleichen zur exzentrischen Björk oder zur PORTISHEAD Frontfrau Beth Gibbson standhält, verleiht dem Quintett seine wichtigsten Trademarks.
Der Einstiegssong Gasoline bringt zunächst einige nordische Folkelemente, eingebettet in Violinenklänge und begleitet vom pumpenden Bass, zum tragen. Der Gesang rückt hierbei stark in PORTISHEAD Nähe, was sich aber beim Refrain verkehrt. Die infernalischen Ausbrüche des Mellotrons, die hektischen Drums und Petronellas Stimme erwecken den Bezug zu den New Wave Koryphäen SIOUXIE AND THE BANSHEES. Der Song verfügt über ein bündiges und recht elegisches Ende. Die frühe Phase von KING CRIMSON blinzelt auch das ein oder andere Mal durch.
Prägnant für das anschließende Holding On ist die sehr sparsame, fast schon äthergetränkte (betäubende?) Instrumentierung. Der bezaubernde melancholisch traurige Gesang wird hinweggetragen vom schwebenden Mellotron wie auf einem zartem Nebelgebilde.
Happiness ist hier sicher eine Eigeninterpretation von Glückseligkeit. Das fein verspielte Intro mit einer dezenten Gitarre, begleitet von einer ebenso agierenden Rhythmussection, bildet das tragende Element für die Elfenstimme von Petronella. Zum Schluss erweckt das bedrohliche Mellotron Assoziationen zu The Fountain Of Salmacis von den ewigen Vorbildern mit dem großen G.
Track 4, Absinth Minded, erinnert mit seinem Kompositionsstil ohne Umschweife an die Ambient-Progger SIGUR ROS. Das sphärische Grundthema und die, einer Eithne Brennan (heute besser bekannt als Enya) recht nahe kommenden cleanen Gesangsparts werden nur durch den aufbrausenden, schwülstigen Mittelteil unterbrochen.
Mit einer fast schon eingängigen, radiokompatiblen Melodie kann der folgende Song aufwarten. Look At Us schmeichelt dem Zuhörer mit poppigen Gitarrenakkorden, deren positive Signale als eine Gabe anzusehen sind. Das pathetische Outro reicht dem Bandnamen zu allen Ehren.
Waberndes Mellotron bereitet dann auf eine kosmische Klangmalerei vor. Reality strotzt nachhaltig wieder von Parallelen zu den schon erwähnten Isländern. Die Synthies zaubern Flächen, die in ihrer Tiefenwirkung sehr intensiv sind. Die samtigen Vocals und die recht sophisticated werkende Rhythmussection verleihen dem Track den nötigen Feinschliff, bevor dieser in die fernen Weiten des Universums entschwindet.
Ein verträumtes Piano leitet das nachfolgende Stream ein und verschafft ihm eine sanfte Einleitung. Der traurige, fast schon gehauchte Gesang und das jazzintonierte Bassspiel sind die Quintessence für dieses weihrauchgeschwängerte Meisterstück. Die kurzen, anschwellenden Melloversatzstücke vermitteln einen etwas zurückgenommenen Zustand. Es verstärkt sich ein Gefühl, die Instrumentalisten würden sich jeden Augenblick von der imaginären Kette reisen. Dieser Spannungsbogen bereitet dem Song seine bestimmende Dramatik. Der Gitarrenpart beim sehr elegischen Ende, erweckt einige Erinnerungen an den einzigartigen (alle Deadheads aufgepasst!) Jerry Garcia.
Für mich persönlich einfach der prachtvollste Track des Albums.
Won't Be Coming Back ist ein improvisationsgeladener Song. Nach dem jazzlastigen Intro kommt er mit dem treibenden Grundrhythmus, gepaart mit einem leichten Swingthema daher. Der Refrain mit einer kraftvollen Shouterin und dem Breitwandsound schließt dann aber wieder an die Hörgewohnheiten des gesamten Outputs an. Einfach Artrock der 70er wie ihn KING CRIMSON oder YES in ihrer Anfangsphase zelebrierten. Seichte Engelsgesänge geleiten diesen Song zu seiner Vollendung.
Der Abschlusstrack In Time suggeriert mit dem sehr verträumten Gesang und der sparsamen Instrumentierung den Eindruck er wäre auf einen Wattebausch gebettet. Die kosmische Gitarre und Synthiesounds tauchen allmählich in ein friedvolles Universum ein und geben Euch das Gefühl von Glückseligkeit.
Dieses Kleinod des skandinavischen Artrocks benötigt sicherlich einige Hördurchgänge, um sich dann mit all seinen Feinheiten in den Sinnesorganen festzusetzen.
Seine deutlichen Spuren hinterließ natürlich auch PORCUPINE TREE Mastermind Steve Wilson an den Reglern.
"Kallocain" ist wie eine wunderbare Droge, bei der Abhängigkeit auf gar keinen Fall gesundheitsschädigend ist.
Neben der regulären Edition ist auch eine Special Edition plus Bonus DVD mit vier Videotiteln aus dem WDR-Rockpalast vom Januar 2004 erschienen.
Für alle geplagten und gestressten Seelen das Album des Monats!
Rock'n Roll will never die!
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