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What If...
What If..., Frontiers Records, 2010
Paul Gilbert Guitars & Backing Vocals
Eric Martin Vocals
Billy Sheehan Bass & Backing Vocals
Pat Torpey Drums & Backing Vocals
Produziert von: Kevin Shirley Länge: 50 Min 54 Sek Medium: CD
1. Undertow8.All The Way Up
2. American Beauty9. I Won't Get In My Way
3. Stranger In My Life10. Around The World
4. Nobody Takes The Blame11.I Get The Feeling
5. Still Ain't Enough For MeBonus Tracks:
6. Once Upon A Time12. Unforgiven
7. As Far As I Can See13. Kill Me With A Kiss (Japan only)

Für diejenigen unter uns mit einem kindlichen Gemüt – also jene, die das Staunen und Freuen noch nicht vollends verlernt haben – sind Dinosaurier ja immer für eben diese kindlichen Regungen gut. Und selbst auf die etwas skeptischeren, also erwachseneren Mitmenschen üben die Viecher eine nicht zu leugnende Anziehung aus, nicht wahr? Groß wie sie waren, bunt, wie sie wohl waren, und mächtig, wie sie sicher waren, kann sich dem doch keiner entziehen, auch wenn man nicht ständig auf Bilder der Dinos starrt. Gibt ja noch anderes, etwa den Michelin Kalender (das HoR nimmt gerne einige Exemplare in Empfang).
Trotzdem unterliegen auch die Dinos den üblichen Modewellen; mal sind sie 'in', mal nicht; aber einige scheinen doch gerade auch in letzter Zeit wieder im Fokus des allgemeinen Interesses zu sein. Da gibt es den gemeinen grasfressenden Sechsfüsser ('Frater Doobius'), die weitschwingende Flugechse ('Pterosaurius Eagles'), die wieselflinke portugiesische Schnecke ('Extremento Saudades Derocks'); ja selbst der Vorfahre des Esels, wegen seiner Lautäußerungen 'Ja-Ah' auch 'Quadroplexus Yes' genannt, ist ja wieder aus der Versenkung aufgetaucht.
Nicht jeder interessiert sich für alle Arten (der letzte Fund des sechsfüßigen Grasfressers etwa ist mir total schnuppe), aber man ist dann doch immer wieder erstaunt, was für eine Faszination von diesen urweltlichen Geschöpfen ausgeht.

Und nun also hat man eine neue Fundstelle des freilebenden, allmächtigen Grossfusses 'Mystero Biggensis', kurz MR. BIG, aufgetan. Das aus den Forschern Gilbert, Martin, Sheehan und Torpey (ja, genau das Team, das den ersten Fund zu verzeichnen hatte!) bestehende Suchteam fand einen vollständig erhaltenen Körper im Quadrat 'What/If 2011'. Die Sensation dabei ist nicht, dass der Fund ganz nahe der ersten vier Fundstellen liegt, sondern tatsächlich besser erhalten ist als alle vorherigen. In der Tat kann man nicht umhin, die Großartigkeit und Brillanz der Farben, die feine Darstellung der einzelnen Gliedmaßen, und den allgemeinen Gesamteindruck zu bewundern.

Für die Heywasis unter uns: das ist in my not very humble opinion mit Leichtigkeit das ausgereifteste, bestkomponierteste und mit instrumentaler Brillanz bestechende MR. BIG Album das ich kenne; und mit Verlaub - ich kenne sie alle. Nicht nur, dass es je nach Laune einfach geradeaus rockt - mit packender Hookline (I Get The Feeling) oder richtig heftig (As Far As I Can See); nicht nur, dass Eric Martin immer noch sehr gut bei Stimme ist und die Produktion angemessen, ein Track wie Around The World We Go ist in seiner melodischen Eindringlichkeit und instrumentaler Performance schlicht nicht zu toppen – das Duo Sheehan/Gilbert vollbringt eine wahre Unisono-Großtat, und Torpey jagt sie über den Parcours.
Und hier liegt die wirkliche Stärke der wiedervereinten Originalmannschaft: selbst etwas mittelmäßigere Stücke werden durch die Könnerschaft der einzelnen Bandmitglieder so aufpoliert, dass die kompositorische Schwäche gar nicht auffällt und jeder einzelne Track funkelt und blitzt. Gut, an einer wirklich großen Ballade mangelt es, und der letzte Track Unforgiven ist nicht wirklich ein Bonus; aber davon abgesehen gibt es hier nichts zu mäkeln. Vielleicht hat das Album nicht ganz die Unbefangenheit der ersten von MR. BIG, aber mit den anderen hält es mühelos Schritt bzw. übertrifft sie.
Unbedingt in die Sammlung damit (VÖ ist am 21.1.)!

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 07.01.2011

Der Intelligenz und dem Charme des Textes da oben kann man sich nicht entziehen, dennoch muss leiser Widerspruch sein. Nicht um des Widerspruchs Willen, es geht ausschließlich um die vollkommen subjektive Meinung und um die komplett unmögliche Wahrheitsfindung. Im Grunde hat unser Redaktions-Diederich mit dem Geburtskünstlernamen Gastrock mit seiner Meinung nämlich durchaus Recht, "What If…" ist keine schlechte Scheibe, wäre auch unmöglich bei solchen Musikern, die abweichende Meinung stützt sich einzig auf folgenden Satz: "Selbst etwas mittelmäßigere Stücke werden durch die Könnerschaft der einzelnen Bandmitglieder so aufpoliert, dass die kompositorische Schwäche gar nicht auffällt." Nein, das kann so nicht stehen bleiben, denn sie fällt sehr wohl auf, die partielle Kreativschwäche der Songwriter.

Zuerst allerdings muss man ein paar Worte der Hochachtung aussprechen. Kevin "Caveman" Shirley hat als Produzent diesmal beste Arbeit geliefert, man wünscht sich von einem Meister wie ihm weniger Massen- und mehr solche Qualitätsware, allerdings machen ihm Könner wie MR. BIG oder IRON MAIDEN die Arbeit ungleich leichter als die vielen Würstchen, die er in den letzten Jahren produziert hat. Des Weiteren sind Paul Gilbert, Eric Martin, Billy Sheehan und Pat Torpey Granaten, die jeden Zweifel lächerlich erscheinen lassen würden. Und letztlich bieten die vier Herren auch jede Menge Spaß für uns kleine Rock'n'Roll-Spielkinder, die wir auch im der Pubertät leicht entwachsenen Alter geblieben sind. Wenn Sheehan sich mit Brachialgewalt durch seine Parts wuchtet, bleibt kein Stein auf dem anderen, Eric Martin hat nichts von seiner grandios-markanten Stimme eingebüßt, Torpey ist eine Maschine wie kaum ein anderer zeitgenössischer Schlagzeuger und Paul Gilbert ist das heimliche Alphatier unter allen Gitarrenhelden, denn er rockt wirklich und onaniert nicht nur auf seinen Saiten herum, wie so viele andere Flitzefinger. Und trotzdem…

Was ist nun die Kritik an "What If…"? Ganz einfach, es sind erstens die Balladen. Die sind nämlich schlicht komplett vergessenswert. Klar, eine Band wie MR. BIG wird für immer an To Be With You gemessen, genau wie EXTREME an More Than Words, beide sind letztendlich an der Größe ihrer eigenen Jahrhundertballaden zerbrochen und brauchten viele Jahre zur Selbsttherapie, beide sind inzwischen auf deutlich bescheidenerem (Verkaufs-) Niveau zurück, und beide bekommen 20 Jahre nach ihrem Welterfolg nicht mal ansatzweise solch herzzerreißende Schmusesongs wie damals zustande. Auf "What If…" klingen die ruhigen Töne so abgelutscht wie von jeder x-beliebigen Poserband aus den 80ern, 90ern oder 00ern. MR. BIG haben dieses Problem seit "Bump Ahead" vor 17 Jahren, konnten sich da aber noch mit Cat Stevens' Wild World über die Runden retten. Seither kam nicht eine einzige verträgliche Lagerfeuernummer mehr über den Teich.
Zweitens: "What If…" strotzt vor Kraft, vorgeblich jedenfalls, aber der Kraft geht immer mal wieder der Saft aus. Daran können weder Gilberts Unfassbarsoli noch Sheehans Bassmonumente etwas ändern. Bei einem Brutalshuffle wie American Beauty fällt das zwecks Headbangalarm und Monstergroove nicht auf, trotzdem war Daddy, Brother, Lover, Little Boy das originärere Stück Musik. Im Verlauf folgen etliche Nummern, die trotz aller Bemühungen blass bleiben und eben nicht zum Schwelgen, Abrocken oder Mitsingen einladen.
Zugegebenermaßen setzen Vollgasrocker wie Still Ain't Enough For Me und Around The World den Hightech-Standard für das ganz neue Jahr 2011, daran werden sich hunderte Möchtegerns die Zähne ausbeißen, und Gilberts Interaktion mit Martin in Once Upon A Time ist schon beinahe magisch, der Songs selbst ist so durchschnittlich wie das oben gelobte As Far As I Can See.

Sie sehen an MR. BIGs "What If…", dass Musikkritik sich im Wesentlichen auf zwei Komponenten stützt: Einerseits auf ein bisschen Basiswissen und ein halbwegs reichhaltiges Plattenarchiv (aus bestenfalls fünf Jahrzehnten Rock'n'Roll-Irrsinn), vor allem aber auf die absolut unveränderliche Meinung des jeweiligen Rezensenten. Der hier tätige Schmierfink sagt, dass I Get The Feeling der Hardrock-Evergreen dieses Albums hätte sein können, wenn nicht der Chorus den hart rockenden Effekt des Songs verkleistern würde. Ein möglicher Irrtum ist ausdrücklich eingeschlossen. Wir können gerne in 20 Jahren darüber sprechen.
Ein kleines Postskriptum gibt es noch. Der für Europa vorgesehene Bonus Track Unforgiven ist banal, die Japaner bekommen mit Kill Me With A Kiss einen deutlich gehaltvolleren Extrasong. Man weiß ja, dass MR. BIG seit eineinhalb Jahrzehnten vor allem bei den Japanern Oberliga ist, aber die letzten zwei Minuten von Kill Me With A Kiss gemahnen so eindringlich an große Rockbands wie HUMBLE PIE, dass man auf die Schlitzaugen neidisch sein darf. Zur Beruhigung sei gesagt, dass man Kill Me With A Kiss für kleines Geld bei den einschlägigen Onlinehändlern downloaden kann. In ein paar Jahren taucht das Ding dann auf einer regulären Compilation-CD auf, das war bisher mit allen Japsen-Boni so.

Ab in die Sammlung mit "What If…"? Ja, unbedingt, denn so viel überragendes Mittelmaß auf höchstem Niveau ist selten. Sie verstehen, Leser? Dann viel Spaß ;-)

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.01.2011


 
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