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Sch€inheilig
Sch€inheilig, Plektron Music/Pegasus, 2005
Pauli Tenor & Diva
Wiggi Harmoniegitarre
Winni Melodiegitarre
Renate Pianoforte, Orgel & Quetsch'n
Axel Tieftongitarre
Fonse Trommeln
Produziert von: Walter J.W. Schmid & Ludwig Raab Länge: 69 Min 12 Sek Medium: CD
1. Es is so10. Gas geb'n und durchknoin
2. 16 Johr oid11. Für uns 2
3. Was geht des mi o12. Du kriagst nia des...
4. Morg'n is z'spät13. Steig ei
5. Immer weiter14. Olles perfekt
6. Lola15. Unsterblich
7. Pit16. Nur a Traum
8. Cowboy17. Gestern
9. Fauler Hund

Es ist kein schöner Text, wenn einer über seine neunzigjährige Nachbarin singt: "... seit drei Monat scho is tot am Diwan g'sess'n und ihr Kanarienvogel hods vor Hunger hoib aufg'fressen...". Aber so ist das Leben, so reden und denken die Leut - wos geht des mi o.
Der Rock und Roll ist ja auch so. Kaum schreiben die Zeitungen nicht mehr drüber, kaum sendet der Radio nix mehr, kaum ist der Rockpalast in Rente, schon ist er vergessen. Nur ein paar Aufrechte (mancher nennt die auch Blöde) kämpfen immer weiter. Und ich sage Euch, gehet hin und stützet die Aufrechten, denn die Welt ist voll von Rückgratlosen!

Es ist die Frage, ob denn der Rock & Roll frisch, reif oder alt ist. Beim Gouda macht das in der Regel einen Euro Unterschied pro 100 Gramm. Behauptung: Rock & Roll ist immer dann frisch, wenn es dem Hörer eiskalt hinten und vorne runterläuft, wenn er Gänsehaut kriegt und wenn er mit dem Bierglas in der Hand durchs Wohnzimmer hüpft und dieses ganz spezielle Cowboy-Gefühl hat. Scheiß auf den Euro mehr.
Rock & Roll muss man auch verstehen. Nicht zwingend via Sprache, auch in Moldawien gibt es klasse Kapellen, man muss ihn qua Gefühl verstehen und dazu gehören laute Gitarren und Emotionen (was zum Kuckuck ist dieser neumodische Emo-Rock, wenn's mich nicht berührt?). Wichtig sind Message/Botschaft/Nachricht, der Sänger und die Band wenn sie sauber umrührt, kurz: Gas geb'n und durchknoin geht nur, wenn der Rock & Roll Hirn und Arsch gleichermaßen angrabscht. Selten, ganz selten, packt einen der Herr Rock in deutscher Sprache an den Weichteilen H&A, aber wenn, dann gleich richtig ordentlich.

"Sch€inheilig" ist die zweite Platte der deutsch-österreichischen Bruderschaft mit Schwester und HEILIG ist jetzt schon an dem Punkt angelangt, den der große Favoriten & Blues-Philosoph Dr. Kurt Ostbahn erst mit seiner dritten oder vierten Langspielplatte erreicht hat. Auf "Sch€inheilig" ist olles perfekt. Es is so, meine Damen und Herren. Mit einer Einschränkung vielleicht: Wer deutsche Texte mit diesem grandiosen österreichischen Dialekt nicht versteht oder verstehen will, sollte auf jeden Fall die Finger weg lassen. Das sind aber nicht viele von Euch, oder? Der Home-of-Rock-Leser ist ein Spaß- und Genusstier und goutiert die drei großen G, Groove, Gaudi und Geilheit, oder ist das alles nur a Traum?
Steig ei, Leser, und hab G, G und G mit HEILIG!

"Sch€inheilig" ist eine Melange aus den wesentlichen Zutaten gefühlsbetonter Rockmusik der letzten 40 Jahre. Boogie, Blues und Rock'n'Roll, dazu etwas Cajun, Reggae, Ballade und geschmeidige Melodie, die eigentlich durch jede Antenne der Radiosender passen würde. Die Band ist so grandios beieinander, dass man vor lauter Begeisterung ganz vergisst, dass da echte Leute die Instrumente bedienen (all die Amis sind ja nicht echt, oder?), die Gitarren rollen und riffen, der Pauli schmettert, die Renate haut aufs Piano oder quetscht das Akkordeon, und die Lola wohnt jetzt im Münchner Norden und bedient in einer Wirtschaft. Und dazu gibt es Texte, die aus dem L-e-b-e-n kommen. Oder aus dem Schmäh*repertoire von einem, der mit Worten umgehen kann.
*Schmäh: österreichisch für Trick, Schwindelei. Humoristischer Gemütszustand; oft auch etwas melancholisch, mitunter leicht grantelnd (misanthropisch), meist aber doch vor allem freundlich - wenn auch ein wenig hinterhältig.
"Der Hund hod mein Charakter und wenn's bled schaun, dann schnappt er".

Es ist so schwer, über eine Platte wie "Sch€inheilig" objektiv zu berichten, die wandert nämlich ins Best-of-Regal, direkt griffbereit für jede Gelegenheit. I steh drauf, i mog de Kombo, i versteh den Schmarrn.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.06.2005

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