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Gerhard Augustin

Der Pate des Krautrock

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Der Pate des Krautrock
Der Pate des Krautrock, Bosworth Edition, 2005
ISBN: 3-86543-050-3
Umfang: 397 Seiten
Preis: 34,95 Euro

Wer in den letzten 40 Jahren mit (deutscher) Rockmusik zu tun hatte, hat zwangsläufig irgendwann ein Produkt in den Händen gehalten, bei dem Gerhard Augustin in irgend einer Form seine Finger im Spiel hatte. Wer in den Siebzigern, Achtzigern und bis Mitte der Neunziger mit der Münchner Musikszene Berührungspunkte hatte, besaß beste Aussichten, Augustin irgendwo über den Weg zu laufen. Oder besser gesagt: Man hatte gute Chancen, von ihm auf die Füße getreten zu werden. In welcher Form auch immer. So mancher dürfte an ihn nicht die besten Erinnerungen haben. Der Pate des Krautrock...
Jetzt hat er ein Buch geschrieben, nicht sein erstes übrigens, das die Zeit des Krautrocks aus der Sicht des Insiders beschreibt. Nebenbei. Denn im Grunde ist dieses Buch die Erzählung seiner Lebensgeschichte, die nunmal untrennbar mit Begriffen wie "Krautrock" und Namen wie AMON DÜÜL II verbunden ist. Und das ist spannend!

Ein Bussibär ist Gerhard Augustin auch mit über 60 nicht. Er ist auch keiner, der es letztendlich wirklich geschafft hätte und im Rentenalter die gescheffelten Millionen von seiner spanischen Finca aus verwaltet. Im Gegenteil, heute präsentiert er im Offenen Kanal Bremen allwöchentlich seine Filme und Erinnerungen und hängt seiner Vision, so es noch eine gibt, von einer besseren musikalischen Zukunft nach. Dass er es nicht geschafft hat, mag viele Gründe haben und die meisten benennt er in aller Deutlichkeit und bisweilen möglicherweise knapp an der Grenze zur Verleumdungsklage. Gerhard Augustin rechnet auf beinahe 400 Seiten ab. Und das nicht zu knapp. Selbstkritik ist nicht sein Ding, lieber haut er den einen und anderen alten Weggefährten in die Pfanne oder zeigt mit dem ausgestreckten Mittelfinger in Richtung Industrie und ihre Bosse (die zum Teil natürlich längst selbst Geschichte sind, s.a. Thomas Stein).

Nicht alles in diesem Wälzer ist von Augustin selbst geschrieben. Immer wieder tauchen Gastautoren wie Chris Karrer, Peter Leopold (beide AMON DÜÜL II) oder, in größerem Maße, Olaf Kübler (Saxophonistenlegende, Produzent, Sprücheklopfer) auf. Wenn der über seine Zeit mit Udo Lindenberg, die vom Panik-Käpt'n gekidnappten Kübler-Textgags und die Saufexzesse mit dem Orchester abledert, bleibt kein Auge trocken. Aber das ist alles nichts gegen die Erzählungen des Meisters, der keine Bettdecke ungelüftet, keinen Joint ungeraucht, keine Line ungeschnupft und keinen Schwachmaten im Business ungenannt lässt.
Höchst amüsant sind natürlich die Passagen um Ike Turner (wieder mit Kübler), der nichts anderes als ein paranoides Koks-Monster war und um dessen Karriere sich Augustin als Manager persönlich kümmerte, was Turner aber nach der Trennung von Tina bekanntlich nichts half.

Den größten Teil des Buches, über 100 Seiten, nehmen natürlich die Schilderungen rund um die Chaoten- und Kifferlegende AMON DÜÜL II ein, die Augustin über Jahre als Labelmanager begleitete. Der Leser sitzt abwechselnd lachend oder kopfschüttelnd vor dem Buch und fragt sich, wie diese durchgeknallte Musikkommune jemals auch nur einen Ton produzieren und darüber hinaus zu ihrem bis heute anhaltenden Kultstatus kommen konnte. Auch hier gilt: Unparteiisch berichtet Augustin in keinem Moment, packend und staunenswert allemal.
Die relativ kurz gehaltenen Passagen über diverse weitere Krautrock-Koryphäen wie POPOL VUH oder CAN lesen sich im Anschluss daran beinahe nüchtern wie ein Lexikon, strotzen allerdings ebenfalls vor Informationen, die den meisten "normalen" Musikfans sicher bisher unbekannt waren.

Der Sprung in die Nach-Krautrock Zeit gelang Augustin nie wirklich. Seine verschiedentlichen Versuche, u.a. als Verleger, scheiterten immer irgendwie und mit den DÜÜLs kam es auch nie zur ganz großen Karriere. Um so verblüffter ist man, wenn man z.B. liest, dass Augustin mit dem unglaublich begabten Funkrocker Patrick Gammon die Firma Gammarock gründete. Mit dem Tod Gammons 1996 war auch dieses Kapitel beendet. Oder weiß heute noch jemand, dass der legendäre "Beat Club" nicht von Mike Leckebusch sondern von Gerhard Augustin erfunden wurde? Und Uschi Nerke war scheinbar gar nicht die brav-biedere Ansagerin im schicken Minirock...

"Der Pate des Krautrock" ist ein tolles Geschichtsbuch für musikinteressierte Menschen gleich welchen Alters und welcher grundsätzlicher musikalischen Ausrichtung - die Überschrift "Krautrock" ist hier letztendlich nur ein Leitfaden. Die einen werden sich in die "gute alte Zeit" zurückversetzt fühlen, die jüngeren werden viel lernen und vielleicht staunend feststellen, dass das Musikbusiness heute wie vorgestern ein Schweinestall ist und war. Ob man Gerhard Augustin nach der Lektüre mag oder nicht, bleibt dem Leser überlassen. Ein Statement hat er hiermit hinterlassen, mögliche Lösungen nicht. Das aber furios. Man verzeiht bei einem solchen Buch auch gerne die paar Mängel im Lektorat - Schwamm drüber und noch einen Joint angezündet!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.07.2004

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